Jud Süß

Der wahre Jud Süß

von Christian Buckard

Als der Starregisseur Dieter Wedel im Sommer dieses Jahres verkündete, dass er die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer 2010 in Worms auf die Bühne bringen möchte, war die Aufregung groß. In manchen Medien wurde suggeriert, dass Wedel den Hetzfilm Veit Harlans von 1940 neu inszenieren wollte – offenbar die einzige Bearbeitung des historischen Stoffs, die manche kannten. Kaum einer dachte an Lion Feuchtwangers gleichnamigen Roman oder an Conrad Veidts Darstellung des »Jew Suess« in dem britischen Anti-Nazifilm von 1934. Etwas hilflos ob so viel Ignoranz trat Wedel in Worms vor die Fernsehkamera und sah sich genötigt zu erklären: »Ich bin kein Antisemit, wir dramatisieren hier nicht den Film von Veit Harlan, sondern wir inszenieren hier in zwei Jahren ein neues Stück, das schon vorliegt und das Joshua Sobol geschrieben hat.«
Sobol hatte schon als Schüler fasziniert die Geschichte des jüdischen Finanzminis-ters Joseph Süß Oppenheimer gelesen, der im 18. Jahrhundert das protestantische Württemberg im Auftrag des katholischen Herzogs Karl Alexander mit harten, unpopulären Maßnahmen ökonomisch modernisierte und der am 4. Februar 1738 nach einem antisemitischen Schauprozess hinge- richtet wurde. Später übersetzte der israelische Dramatiker (Ghetto, Alma), Drehbuchautor (Galilee Eskimos) und Roman- cier (Whisky ist auch in Ordnung) Paul Kornfelds Drama über Oppenheimer für das Theater in Beerschewa und gastierte mit dem Stück auch in Worms. Das war einer der Gründe, warum man dort sofort an Sobol dachte, als Wedel den Stoff vorschlug.
Sobol darf noch nicht über sein neues Drama reden. Wedel und er haben Stillschweigen vereinbart. Über die geplante Inszenierung verrät der Autor nur so viel: »Ich habe es als spektakuläres Weltdrama geschrieben. Das Stück wird wohl um die drei Stunden dauern.«
Dafür gibt Sobol jedoch bereitwillig Auskunft über sein persönliches Verständnis der historischen Figur Jud Süß: »Ich sehe Joseph Süß Oppenheimer als überzeugten Atheisten«, sagt er. »Er ist insofern ein postmoderner Mensch, als er überhaupt keine Ideologie besitzt, wirklich Kosmopolit ist und keine Achtung vor Traditionen hat. Oppenheimer ist subversiv.«
Das gilt auch für Oppenheimers Verhältnis zum Judentum. Er konnte mit der jüdischen Tradition wenig anfangen. Unter seinen Glaubensbrüdern galt er als suspekt. Als Jude fühlte der Finanzier sich dennoch, hat Sobol recherchiert. »Er spendete für die jüdische Gemeinde in Frankfurt. Und er weigerte sich bis zuletzt, zum Christentum überzutreten!«
Joseph Süß Oppenheimer war, glaubt Sobol, als württembergischer Finanzminis-ter deswegen so erfolgreich, weil er seiner Zeit weit voraus war, ein Mann des 21. Jahrhunderts. »Wenn man seine Ansichten zu ökonomischen Dingen betrachtet, könnte man sagen, dass Oppenheimer ein Pionier der Globalisierung war. So wollte er den Herzog von Württemberg überzeugen, das Geld des Landes in eine Reihe internationaler Unternehmen zu investieren.«
Grenzüberschreitend agierte Oppenheimer auch in privaten Dingen. »Er war ein Vorreiter der sexuellen Freiheit«, weiß Jo-shua Sobol. »Er achtete keine Tabus und unterhielt sowohl Beziehungen zu Frauen aus der Ober- wie auch der Unterschicht. Das ist historisch belegt.«
Was dem Israeli Sobol bei seinen Recherchen ins Auge stach, waren die Parallelen zwischen dem von seiner Umwelt gehassten Juden Joseph Süß Oppenheimer damals und der Situation des jüdischen Staats heute. »Wir leben in einer fanatischen Umwelt, die in sehr regressiver Form mehr und mehr fundamentalistisch wird, etwa im Iran, Pakistan oder Afghanis-tan. Innerhalb dieser fanatischen Umgebung ist Israel der einzig wirklich freie Ort. Wir haben hier eine Gesellschaft, die vor nichts Respekt und Ehrfurcht hat. Das ist typisch für die israelische Gesellschaft und typisch für einen kosmopolitischen Juden wie Oppenheimer. Er ist der Archetyp des freien Menschen. Das ist es, was ich an ihm so anziehend finde.«

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