Kino

Der Tod in Karatschi

von Jessica Jacoby

Am 23. Januar 2002 wurde Daniel Pearl, Asienkorrespondent des Wall Street Journal in Karatschi, Pakistan, entführt. Wenige Tage später wurde seine zerstückelte Leiche gefunden. Ein zeitnahe den Medien zugespieltes Video zeigte, wie der amerikanische Journalist von Dschihadisten vor laufender Kamera enthauptet wurde.
Daniel Pearls Witwe Marian, selbst Journalistin und zum Zeitpunkt des Geschehens im sechsten Monat schwanger, hat über ihren Mann und seinen Fall ein Buch geschrieben, um ihrem Sohn den Vater, den er niemals kennenlernen wird, auf diese Weise nahezubringen. (Marian Pearl: Ein mutiges Herz, S. Fischer, Frankfurt/Main 2004).
Der gleichnamige Film, der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft, erzählt die Geschichte Daniel Pearls aus der Perspektive seiner Witwe, dargestellt von Angelina Jolie. Ihre Stimme trägt die Erzählung. Sie beginnt mit der Reise der Pearls von Islamabad nach Karatschi. Dort will Daniel (Dan Futterman) noch ein Interview mit einem islamistischen Scheich führen, bevor das Ehepaar nach Paris, Marians Heimatstadt, fliegt. Daniel verabschiedet sich von seiner Frau und steigt in ein Taxi, nicht ahnend, dass er in eine Falle gelockt wurde. Der ihm zugesagte Gesprächspartner weiß nichts von einem Interview und ist nicht einmal in Pakistan. Die Nacht vergeht, ohne dass Pearl zurück-kehrt, seine besorgte Frau alarmiert die Behörden und die Kollegen. Anfangs kommt die Ermittlungsmaschinerie nur langsam in Gang, entfaltet dann aber ein regelrechtes Furioso, begleitet von einer nicht minder heftigen Pressekampagne. Der pakistanischen Regierung ist der Fall höchst peinlich, die internationale Bericht-erstattung noch peinlicher. Wilde Spekulationen machen die Runde: Angeblich ist der entführte Journalist CIA-Mann, dann wieder Mossadagent. Sicher ist in jedem Fall, dass er Jude ist, eine Tatsache, die Daniel Pearl im Film wie in der Wirklichkeit nie versucht hat, zu verleugnen. Das scheint ihn in den Augen seiner Entführer und Mörder zum idealen Opfer prädestiniert zu haben.
Der Film zeigt in schnellen, harten Schnitten die Suche nach Daniel Pearl. Es kommt schnell zu ersten Verhaftungen und Folterungen von Verdächtigen. Doch die eigentlichen Entführer und das Versteck werden nicht gefunden. Die Kamera bleibt die ganze Zeit mittendrin im zunächst unübersichtlichen Geschehen. Marian Pearl lebt in einem von Sicherheitskräften und Medien praktisch belagerten Haus. Dann plötzlich sind alle fort – Polizei und Journalisten. Das Video von Daniel Pearls Ermordung ist gefunden worden. Die Bilder der Enthauptung werden im Film nicht gezeigt. Das Entsetzen auf den Gesichtern der Männer, die es betrachten, reicht völlig aus, die ebenso perfide wie medienwirksame Grausamkeit dieses Mordes zu vermitteln. Marian Pearl reagiert auf die Nachricht vom Tod ihres Mannes zunächst mit Unglauben, dann entlädt sich ihre Verzweiflung in einem erschütternden Schrei. Doch bei einer Pressekonferenz kurz später hat sie schon wieder zu ihrer gefassten Haltung zurückgefunden.
Der Stoff dieses Films hat alles, was ein patriotischer »Tearjerker« aus Hollywood bräuchte. Auch die Besetzung der Hauptrolle mit einem Star wie Angelina Jolie könnte Skepsis wecken. Doch der britische Regisseur Michael Winterbottom vermeidet jede Melodramatik und lässt sich ebenso wenig wie Marian Pearl politisch vereinnahmen. Es gelingt ihm, eine komplexe weltpolitische Gemengelage als individuell erlebte und erlittene Geschichte glaubhaft darzustellen. Nicht zuletzt dank Angelina Jolie, die ihre Rolle mit erstaunlicher Zurückhaltung gestaltet und sich als gute Ensemblespielerin erweist. Ein überraschend guter Film.

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