Hans Küng

Der streitbare Mahner

Laudator Norbert Lammert hatte sich um eine gute Stunde verspätet. Schließlich konnte der Präsident des deutschen Bun-
destages die Marathon-Abstimmung zur Patientenverfügung nicht einfach schwänzen. Dafür hatten sowohl das Publikum als auch der Geehrte, der katholische Theologe Hans Küng, am vergangenen Donnerstagabend Verständnis. Küng erhielt in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin den Abraham-Geiger-Preis für sein Lebenswerk. In der Begründung der Jury heißt es: »Als Präsident der Stiftung Weltethos haben Sie ein Zeichen gesetzt, wie das globale Miteinander gelingen kann, jenseits aller religiösen Schranken. (…) In Ihrem Buch über das Judentum ist Ihnen eine wertvolle und wesentliche Analyse gelungen, die innerhalb des Judentums Anstöße gegeben hat und weit darüber hinaus Wirkung entfalten konnte.«
Mit dem Preisgeld von 10.000 Euro will Küng einen Studienfonds am Abraham-Geiger-Kolleg begründen, der den Studenten interreligiöse Begegnungen ermöglichen soll. Den Preis nahm Küng aus der Hand des ZEIT-Herausgebers Josef Joffe entgegen. In seinem Festvortrag kam der 80-jährige Küng auf die »verständlichen Irritationen« zu sprechen, die Papst Benedikt XVI. unter Juden ausgelöst habe. Er hoffe, so Küng, dass sich die neue Nahostpolitik von US-Präsident Barack Obama »positiv auch auf die christlich-jüdischen Beziehungen« auswirke. Scharf ging der Reformtheologe mit rückwärtsgewandten Strömungen in Juden-
tum, Christentum und Islam ins Gericht. Die reformorientierten Kräfte aller Religionen sollten zusammenarbeiten, um eine globale Ethik zu erarbeiten, die für jedermann zustimmungsfähig sei.
Irritieren konnte allerdings, was Küng den »völlig säkularisierten Juden« ins Stammbuch schrieb: »Für ihr religiös entleertes Judentum haben sie vielfach eine moderne Ersatzreligion gefunden: den Staat Israel und die Berufung auf den Ho-
locaust«, so Küng unter dem Strinrunzeln mancher Zuhörer. »Das kann auch säkularisierten Juden eine jüdische Identität verschaffen, scheint aber nicht selten auch die brutalen Maßnahmen der israelischen Ar-
mee gegen die Palästinenser in den besetzten Gebieten zu rechtfertigen.« Es scheint, als komme auch die interreligiöse Toleranz nicht ohne Sündenböcke aus. Ingo Way

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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