Glosse

Der Rest der Welt

Familie ist nie langweilig. Foto: Getty Images

Glosse

Der Rest der Welt

Immer lustig, manchmal seltsam: Mischpoche kann man sich nicht aussuchen

von Margalit Edelstein  08.02.2023 15:04 Uhr

Es heißt ja immer, dass man nicht nur eine einzelne Person heiratet, sondern irgendwie auch eine ganze Familie. Super. Das heißt, ich bin also nicht nur mit einem sanftmütigen, fleißigen, pflichtbewussten Familienmenschen (meinem Mann) verheiratet, sondern obendrein auch noch mit einem durchgeknallten, chaotischen Hippie: meinem Schwager.

Abgesehen davon, dass er völlig abgedreht ist, hat mein Schwager aber auch viel Witz und Charme und deshalb einen riesigen Freundeskreis – die ganze Stadt scheint ihn zu kennen und zu mögen. Egal, ob im koscheren Restaurant, im Supermarkt oder mitten auf der Straße, dauernd wird er von irgendwelchen Typen angesprochen, die ihn umarmen und ihm auf die Schulter klopfen. Mein Schwager ist einfach mit allen »Best Friends«: chassidische Typen mit langen Pejes, seriös wirkende Typen im Business-Anzug. Aber seine engsten Freunde sind eine Reihe ziemlich merkwürdiger Figuren im Vogelscheuchen-Look.

helfer-komplex Denn mein Schwager hat ein sehr weiches Herz – und einen Helfer-Komplex, dauernd will er irgendwelchen Freunden beistehen, egal, wie plemplem sie sind. Und die ganze durchgeknallte Mischpoche weiß natürlich, dass mein Schwager einen seriösen älteren Bruder hat: meinen Mann. Einigen dieser irren Typen hat mein Schwager anscheinend ganz nonchalant unsere Telefonnummer gegeben, denn es kommen öfters Anfragen von Personen, die in unserem Fahrradkeller übernachten oder uns anpumpen wollen – worauf ich immer schnell das Telefon ablege.

Neulich klopfte am Sonntagnachmittag jemand an die Tür. Eine reichlich ausgefranste, langhaarige Figur in einem bodenlangen, speckigen Mantel stand vor unserer Wohnung und gab an, ein Freund meines Schwagers zu sein. Ich bemerkte, dass die Person zwei verschiedene Schuhe anhatte, etwas ungeduscht wirkte und außer dem Mantel weiter nichts am Körper trug.

Ich trug meinem Mann auf, den Spinner schnellstens loszuwerden, und verzog mich in die Küche. Aus dem Wohnzimmer drang bald aufgeregtes Gemurmel, einige Minuten später kam mein Mann in die Küche und bat um eine Schere und einen Gefrierbeutel. Als der Typ endlich abgezogen war, stellte ich meinen Mann zur Rede. »Wer war das, und wozu wollte er eine Schere und einen Gefrierbeutel?«

nervenzusammenbruch Mein Mann druckste herum: Das sei einer der etwas … psychisch instabilen Freunde seines Bruders … gerade habe der arme Kerl einen Nervenzusammenbruch hinter sich … er sei sehr einsam, habe keine Familie … ein armer Schlucker, immer hungrig. Er hatte meinen Mann gebeten, sich ein Haarbüschel abzuschneiden, und es dann in seinem Gefrierbeutel mitgenommen, denn er plane, einen DNA-Test durchführen zu lassen. Dann würde sich hoffentlich endlich herausstellen, dass er, mein Mann und mein Schwager in Wirklichkeit dieselbe DNA teilten und der Typ demzufolge ein Teil unserer Familie werden könnte, denn das würde ihn sehr glücklich machen.

Mir standen die Tränen in den Augen. War das traurig! Der arme Kerl! Nächste Woche ist der Langhaarige bei uns zum Mittagessen eingeladen. Mein Mann wird ihm einen Jogginganzug leihen – so ein langer Mantel ist ja doch auf die Dauer unbequem.

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