Düsseldorf

Der Preis des Reformers

von Sarah Dickmann

Auf den ersten Blick wirkt die Medaille klein, ja fast ein wenig unscheinbar. Doch für den, der sie bekommt, ist sie eine wichtige Auszeichnung: Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf vergibt die Plakette, die das Antlitz von Nordrhein-Westfalens ehemaligem Justizminister Josef Neuberger ziert, für besondere Verdienste um die jüdische Gemeinschaft. Am 10. Dezember erhält Bundeskanzlerin Angela Merkel den Preis. Zum Empfang im Düsseldorfer Schauspielhaus erwartet die Gemeinde 900 Gäste, darunter zahlreiche Prominente. Als Laudator spricht Josef Joffe, Herausgeber der »Zeit«. »Eine Laudatio auf einen Kanzler zu halten, ist eine außerordentliche Ehre«, sagt er, »und in diesem Fall auch noch ein Vergnügen.«
Die prominente Preisträgerin befindet sich in bester Gesellschaft. Seit 1991 vergibt die Gemeinde die Josef-Neuberger-Medaille an nichtjüdische Persönlichkeiten, die sich um die Belange jüdischer Menschen, der jüdischen Gemeinden oder des Staates Israel besonders verdient gemacht haben. Zu Merkels Vorgängern gehören die ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau und Roman Herzog, der frügere WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und Düsseldorfs vor Kurzem verstor- bener Oberbürgermeister Joachim Erwin. »In 17 Jahren ist die Verleihung zur guten Tradition in Düsseldorf und in NRW ge- worden«, sagt Juan Miguel Strauss, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde. »Abgelehnt hat noch keiner.«
Der Namensgeber der Medaille war nach Heinrich Heine der berühmteste Sohn der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, wie es Michael Szentei-Heise, Direktor der Gemeinde formuliert. Josef Neuberger war Vorsitzender des Gemeinderates und Vorstandsvorsitzender der Gemeinde sowie von 1966 bis 1972 SPD-Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen. In der »Reichspogromnacht« entkam er nur knapp dem Tod, emigrierte kurz darauf nach Palästina und kehrte Anfang der 50er-Jahre nach Deutschland zurück. »Mit seinem Namen sind eine aktive und erfolgreiche Gemeindearbeit ebenso untrennbar verbunden wie sein Einsatz für humanen Strafvollzug und der Resozialisierung von Straftätern in Deutschland«, sagt Juan Miguel Strauss.
Im Jahr des 50-jährigen Jubiläums ihrer Synagoge sieht die Gemeinde es als besondere Ehre an, die Bundeskanzlerin als Preisträgerin gewonnen zu haben. Einstimmig hat sich der Gemeinderat für sie entschieden: Weil sie sich dafür einsetzt, dass sich wieder jüdische Traditionen in Deutschland etablieren, weil sie sich für Integration und die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden engagiert. »Zudem spricht sie sich immer wieder für die Sicherheit des Staates Israel aus«, sagt Strauss.
Auch für Laudator Josef Joffe ist Angela Merkel eine äußerst geeignete Trägerin für die Josef-Neuberger-Medaille. Warum? Das begründet der »Zeit«-Herausgeber mit einem Satz, den Merkel selbst formuliert und vor der UNO-Generalversammlung 2007 ausgesprochen hat: »Die Existenz Israels ist Teil der Staatsräson unseres Landes.« Für Joffe war dies ein historischer Satz, der Hunderte von Reden zur Vergangenheitsbewältigung ersetzt. »Hier übernimmt eine deutsche Kanzlerin Verantwortung nicht nur für das Gestern, sondern auch für das Heute und Morgen. Wenn das nicht auszeichnungswürdig ist, was dann?«
Angela Merkel selbst teilte den Düsseldorfer Gastgebern mit, sie freue sich sehr und nehme die Auszeichnung gern an. Auch Michael Szentei-Heise und seine Mitstreiter freuen sich auf den 10. Dezember, obgleich die Organisation der Preisverleihung jedes Jahr mit großen Anstrengungen verbunden ist – zumal der Emp- fang aus dem Leo-Baeck-Saal der Gemein- de, der derzeit renoviert wird, ins Große Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses verlegt werden musste. Die Gäste sind gespannt auf den Tag. »Normalerweise können etwa 30 Prozent der geladenen Gäste die Einladung zur Preisverleihung nicht annehmen«, erzählt Juan Miguel Strauss. »Diesmal hat so gut wie niemand abgesagt.«

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