Tradition

Der letzte Hühner-Schochet

Nur noch symbolisch: Kappara-Schwingen in der Schweiz heute Foto: Roger Reiss

Joe Lévy war ein gläubiger Jude, der regelmäßig in die Synagoge ging und auch in seiner Familie auf die Einhaltung der Gesetze achtete. Alle Tage im jüdischen Kalender waren gleich wichtig für ihn, doch als Sefarde legte er besonders großen Wert auf die Einhaltung des Sühneopfers zu Jom Kippur. Alina erinnert sich, wie sie ihren Vater als Fünfjährige auf den quirligen Geflügelmarkt von Beirut begleitete, um die Hühner für den herannahenden Versöhnungstag zu kaufen, die der Händler ihnen am nächsten Tag in aller Frühe ins Haus lieferte.

Kaum war das nervöse Federvieh eingetroffen, brachte Alina den zappelnden Käfig mit ihren Brüdern Edmond und Jonathan ins Badezimmer, wo sie die Tiere ein letztes Mal freiließen, die sofort begannen, aufgeregt herumzuhüpfen, so als ahnten sie bereits, dass es ihnen an den Kragen gehen würde. Einige versuchten, durch das winzige Toilettenfenster zu entkommen, doch ihr Schicksal war besiegelt.

Noch bevor sich die Kinder auf den Weg in die Schule machten, kam der Rabbiner‐Schochet, deckte die türkische Toilette mit einem Brett zu, und der Ritus konnte in Anwesenheit der noch halb verschlafenen Familie beginnen: Eins, zwei, drei, ein letztes Hilfegeschrei, schon hing das zuckende Geflügel über der blutverschmierten Wanne, und alles war vorüber.

Der Ablauf dieser blutigen Prozedur war jedes Jahr derselbe, bis zu der Zeit, in der es für die Familie lebensgefährlich wurde, sich weiter im Land aufzuhalten. Während der Libanonkrise im Jahre 1958 verschärfte sich auch für die Juden dramatisch die Situation. Viele von ihnen suchten in Israel Schutz, andere wanderten in die USA oder nach Lateinamerika aus. Nur ein Bruchteil, kaum mehr als zweihundert Familien, fand in der französischsprachigen Schweiz ein neues Zuhause, darunter die Lévys, die mit Hilfe der 6. Amerikanischen Flotte aus Beirut evakuiert wurden.

Empörung Es dauerte jedoch nicht lang, bis Alinas Vater erkannte, dass die Schweiz nicht der Libanon ist und seine Gewohnheit, kurz vor Jom Kippur lebende Hühner zu kaufen, nur um sie kurze Zeit später in seiner Wohnung ins Jenseits zu befördern, zu Schwierigkeiten führen musste.

Das religiöse Gemetzel im vierten Stock des Mietshauses im Genfer Stadtteil Servette war kaum zu überhören, und so löste der alljährliche Hühnermord der Lévys bald eine Welle der Empörung in dem protestantischen Viertel aus. Der Vermieter, ein misstrauischer Mann mit festen Ansichten, wurde von der wachsamen Mieterschaft alarmiert und drohte schließlich mit dem Rauswurf, sollten sich die Lévys noch einmal als »Tierquäler« betätigen.

Kaum war Alinas Vater also in der für ihre Friedfertigkeit und Toleranz bekannten Schweiz angekommen, machte er mit Denunziantentum und unverhohlener Feindseligkeit Bekanntschaft. In seiner Not wandte er sich an die alteingesessene jekkische Gemeinde, doch auch hier wollte man von der orientalischen Altvätersitte des Hühnerschächtens nichts wissen.

So verging eine ganze Weile, ohne dass sich eine Lösung für den Zwiespalt abgezeichnet hätte, in dem die Lévys und die übrigen Familien aus dem Mittleren Osten steckten, die ebenfalls Probleme mit ihren Nachbarn bekommen hatten. Lange Zeit passierte gar nichts, Jom Kippur fand ohne das vertraute Ritual statt, und niemand wusste, was aus dem Sühne‐Huhn‐Kapparot‐Schlagen werden würde.

Im Gegensatz zu ihren Eltern hatten sich die Kinder der Lévys schnell in Genf eingewöhnt. Alina ging auf ein humanistisches Gymnasium, das über einen gewissen Ruf verfügte und auch von anderen Kindern aus jüdischen Familien besucht wurde. Eines Tages erfuhr sie, dass die Eltern einer Klassenkameradin eine Hühnerfarm in Conches, einem Vorort von Genf, betrieben. Das Mädchen klagte über den Gestank, der bei ihr zu Hause herrschte, denn die mehr als zweitausend Hühner waren in einer großen Halle direkt neben dem Wohnhaus der Familie untergebracht.

Als Alina ihrem Vater davon erzählte, bekam er glänzende Augen. Mit einem Mal schien eine Lösung für die Kaparahklemme in Sicht. Noch am selben Tag telefonierte Joe Lévy mit Monsieur Flory, dem Vater des Mädchens, der sich gegen eine entsprechende Bezahlung damit einverstanden erklärte, dass die Lévys und all die anderen libanesischen Familien das Kapparot‐Schlagen in diesem Jahr auf seine Hühnerfarm verlegten.

So kam es, dass am frühen Morgen des 6. Oktober 1968 ein nicht enden wollender Konvoi von Limousinen auf den abgelegenen Betrieb der Florys rollte, denen einige Dutzend sefardische Exil‐Familien in ihren schönsten Festtagskleidern entstiegen, unter ihnen die Dabbahs, El‐Einis und Haccos, ein kosmopolitisches Little Beirut auf einem schmuddeligen Hühnerhof.

Fast alle Clans, die Alinas Vater benachrichtigt hatte, waren seinem Ruf gefolgt. Und da jede Familie aus mindestens drei Generationen bestand, war die kleine Auffahrt zwischen den schlichten Lagerhallen bald mit immer mehr Großmüttern, Schwiegersöhnen, Tanten, Cousins und allen möglichen anderen Verwandten ersten, zweiten und dritten Grades gefüllt, um deren Beine eine unübersehbare Schar von Kindern wuselte.

Bei ihnen war die Lokalreporterin des Boulevardblattes La Suisse, denn natürlich wollten die Organisatoren des Ganzen, Joe Lévy und sein Chawer Jouri Lawi, nicht versäumen, die Öffentlichkeit auf ihre schwierige Situation aufmerksam zu machen, die sie zu solch kuriosen Maßnahmen wie dem Kapparot‐Schlagen auf einem Hühnermastbetrieb nötigte.

Lärm und Gestank Monsieur Flory war auf einen solchen Ansturm nicht vorbereitet, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die Abordnung, allen voran den eigens mitgebrachten Rabbiner Hadzis, direkt in die riesige Halle zu führen, in der die Hühner auf ihren großen Auftritt warteten. Den versammelten Familien bot sich das Bild einer unendlichen Landschaft aus Hühnern, die um die Wette krähten, scharrten, gackerten und ihr Gefieder zu spreizen versuchten, so gut es eben zwischen all den anderen Tieren ging.

Dabei produzierten die Hühner einen so gewaltigen Lärm, dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Und wie um das Ganze noch zu krönen, herrschte ein unsäglicher Gestank in der Halle, der dem verschwenderisch aufgelegten Parfüm der libanesischen Ehefrauen augenblicklich den Krieg erklärte. Hier also sollte die sefardische Gemeinde von Genf den Beginn des jüdischen Jahres mit ihrem Sühneritus feiern.

Es dauerte ein wenig, bis sich die Besucher von dem ersten Schock erholt hatten, dann beschloss man – da man nun einmal den Weg auf sich genommen und niemand eine besser Idee hatte –, den ungewöhnlichen Ort zu akzeptieren und mit der Zeremonie anzufangen. An Opfertieren gab es wahrlich keinen Mangel, und für die armen Kreaturen, die hier auf engstem Raum zusammenhockten, war das Kapparot‐Schlagen mit Sicherheit die würdigere Art, ihr Leben zu lassen, als auf dem Fließband des städtischen Schlachthofs vollautomatisch enthauptet zu werden.

Nachdem er seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte, griff sich Hadzis das erste Huhn, packte es an den Krallen und schwang es mit lautem Gebet über den Köpfen der ersten Mischpoche, die zu segnen war. Das Federvieh sträubte sich mit allen Kräften, da es bis zum letzten Moment an ein besseres Schicksal glaubte, doch kaum sah es die blanke Klinge, wusste es, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte, denn vor Hadzis’ Regelwerk gab es kein Entkommen. Wie der Rabbiner die flatternden Hühner packte, wie diese sich hilflos wehrten und nach dem fatalen Schnitt noch einige Meter in der Halle herumflatterten, diese ganze Szene war wirklich filmreif, doch für die junge Journalistin offenbar zu viel.

Wallfahrtsstätte Trotz des beispiellosen Lärms in der Halle konnte Alinas Vater deutlich hören, wie sie auf Monsieur Flory einredete, er möge die barbarische Veranstaltung augenblicklich unterbinden und das makabre Schauspiel beenden. Doch Monsieur Flory dachte gar nicht daran, den Ritus zu unterbrechen, sondern schien sogar ein wenig stolz darauf zu sein, dass sein schäbiger Hühnerhof dank der Hilfe von Alinas Vater zu einer Art jüdischer Wallfahrtsstätte geworden und auf diese Weise selbst für die Zeitung interessant war.

Unterdessen winkte Rabbi Hadzis die Männer der bucharischen Mischpoche von Mosche Baruch Soleyman heran, um auch sie von ihren Sünden zu befreien. Mosches jüngster Sohn Eli zitterte vor Angst und wollte unter keinen Umständen dabei sein, wenn der schauerliche Entsühnungsbrauch begann. Ausgerechnet seine Familie legte größten Wert auf das Ritual, das ihre Vorväter seit Generationen in Turkmenistan praktiziert hatten. Hadzis, der keine Zeit zu verlieren hatte, begann sofort, das flatternde Sühneopfer über dem Kopf des total verstörten Knirpses kreisen zu lassen.

Doch das gut genährte Huhn wehrte sich so stark, dass es Eli mit seinem Schnabel im Vorbeiflug die Augenbrauen zerkratzte. Statt das Gebet nachzuplappern, das Hadzis ihm vorsagte – »Zeh chalifati, zeh temurati, zeh kaparati, dies sei mein Tausch, mein Ersatz, meine Sühne« –, bekam der verängstigte Knabe kein Wort heraus, riss sich los und rannte, halb mit dem Blut des getöteten Huhnes, halb mit dem eigenen bedeckt, wie ein geölter Blitz davon, und die Federn, die an seinen Haaren klebten, stoben dabei in alle Richtungen.

Jouri Lawis Sohn Solly Alain war schon vorher weggelaufen und nun, als die Reihe an seine Familie kam, wie vom Erdboden verschluckt. Doch der umsichtige Jouri hatte vorgesorgt und einen Pullover von Solly mitgebracht, den er im entscheidenden Moment hervorholte und dem Schochet als symbolischen Ersatz entgegenhielt, um so wenigstens einen Hauch der Entsühnung für seinen Sohn zu erhaschen.

Am Ende hatte der Rabbiner alle Familien von ihren Sünden gereinigt und mit seinem Segensspruch bedacht, 44 Hühner hatten dafür ihr Leben ausgehaucht. Elis Mutter sammelte wie nach einer Schlacht die Tiere ein, die für ihre Familie geopfert worden waren – ein Huhn für die Männer und eine Henne für die Frauen –, und stopfte sie in ihre Handtasche, um sie nach der Heimkehr in ihrer Küche zu braten und gemäß der Tradition an die Armen zu verteilen.

Verzicht Die Festgesellschaft aber, die Joe Lévy an dem Tag zusammengetrommelt hatte, war nach diesem Kapparot‐Schlagen ein für allemal von der Idee geheilt, die alte Tradition in ihrer neuen Heimat zu bewahren, und verzichtete fortan auf das Sühnehuhn‐Schlagen. Lieber noch als die Zeremonie in einem stinkenden Hühnerstall zu feiern, wollten sie gar kein Opfer mehr bringen und verteilten stattdessen großzügige Spenden an wohltätige Einrichtungen, um sich das schlechte Omen vom Hals zu halten. Hadzis hielt die Gemeinde noch einige Jahre mit eiserner Faust zusammen, dann legte er sein Amt als Rabbiner nieder und zog sich ins Privatleben zurück.

Kurze Zeit später schloss auch die Hühnerfarm von Monsieur Flory. Ein Investor hatte ihm viel Geld für sein Grundstück angeboten, um darauf ein herrschaftliches Villenviertel entstehen zu lassen. Und so hat das uralte Ritual, das für meine galizischen Großeltern noch fester Bestandteil des jüdischen Jahres war, eigentlich nie richtig Fuß in Genf gefasst.

Nicht einmal der Zeitungsartikel erinnert daran, dass diese Zeremonie einen kurzen Augenblick lebendige Gegenwart in der Stadt war. Als Joe Lévy am nächsten Morgen die La Suisse aufschlug und den Bericht las, den die empörte Journalistin geschrieben hatte, war er jedenfalls sehr er‐ leichtert. Schließlich hatte er eine Überschrift wie »Heimtückischer Ritualmord an unschuldigen Hühnern« oder etwas in der Art erwartet. Doch statt einer antisemitischen Brandrede hatte die Reporterin aus unerklärlichen Gründen einen Artikel über die Missstände in der aufkommenden Massentierhaltung verfasst, den sie mit »Vom Schicksal unserer Nahrung – ein Hühnerleben« betitelt hat.

Auszug aus dem Buch »Nicht immer leicht, a Jid zu sein. Geschichten aus dem jüdischen Genf«, Chronos, Zürich 2010, 171 S., 18,00 €

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