Soldaten

Der Leichenzug

von Wladimir Struminski

Wenn nichts dazwischenkommt, findet wahrscheinlich in der kommenden Woche der seit langem erwartete Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah statt. Am Sonntag hat die israelische Regierung die entsprechende Vereinbarung mit der libanesischen Schiitenmiliz gebilligt. Dabei lässt Israel fünf libanesische Terroristen frei und überstellt der Hisbollah die Leichen von Angehörigen der Organisation, die im zweiten Libanonkrieg gefallen sind. In einem späteren Stadium entlässt Jerusalem auch palästinensische Terroristen. Im Gegenzug erhält Israel die Leichen der beiden vor zwei Jahren an der Nordgrenze entführten israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regew, Leichenteile ande- rer im Libanon getöteter Soldaten und einen von der Hisbollah verfassten Bericht zur Suche nach dem vor 22 Jahren abgeschossenen Navigator Ron Arad. Demnach wurde Arad zwei Jahre nach seiner Gefangennahme getötet.
Der Deal schreckt die Öffentlichkeit auf: Hat die Regierung das Schicksal der Entführten ihren Bürgern bisher bewusst verheimlicht? Am Sonntag gab Ministerpräsident Ehud Olmert öffentlich zu: »Soweit wir wissen, sind die beiden Soldaten, Ehud Goldwasser und Eldad Regew, nicht mehr am Leben.« Allerdings wurde zugleich bekannt, dass diese Erkenntnis alles andere als neu ist. Bereits wenige Tage nach der Entführung war die Armee aufgrund der Tatortanalyse zu dem Schluss gelangt, dass einer der Soldaten – um welchen der beiden es sich handelt, bleibt vorerst geheim – unmittelbar nach der Entführung seinen Verletzungen erlegen war. Der andere war schwer verletzt worden und hatte in Ermangelung sofortiger Krankenhausbehandlung kaum Überlebenschancen. Spätere nachrichtendienstliche Erkenntnisse be- kräftigten, dass beide tot waren. Dennoch handelte die Regierung so, als könnten sie lebend heimgebracht werden. Damit ersparte sie sich das Eingeständnis, das von ihr vorgegebene Ziel des Libanonkrieges, eine Freilassung der Entführten zu erzwingen, sei von vornherein illusorisch gewesen. Umso größer ist nunmehr der Schock.
Die Freilassung lebender Terroristen im Gegenzug für die Überstellung von Leichen ist zudem umstritten. Der Austausch, warnten Mossad-Chef Meir Dagan und der Leiter des Inlandssicherheitsdienstes Schabak, Juwal Diskin, werde neue Entführungen provozieren. Besonders schwerwiegend: Unter den Sicherheitshäftlingen, für die sich die Gefängnistore öffnen sollen, befindet sich auch der Libanese Samir Kuntar. Er gilt als ein besonderes Symbol für die Unmenschlichkeit des Terrorismus. Im April 1979 drang eine von Kuntar angeführte Terroristengruppe in die Wohnung der Familie Haran in Naharia ein. Bei der versuchten Geiselnahme erschoss Kuntar den Familienva- ter Dani vor den Augen seiner vierjährigen Tochter Einat und zerschmetterte anschließend Einats Kopf mit dem Gewehrkolben. Derweil hatte sich Mutter Smadar versteckt und drückte dem zweijährigen Töchterchen Jael den Mund zu, um ihr Weinen zu unterdrücken. Dabei kam Jael ums Leben. Kuntar wurde gefangen genommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Haftentlassung wurde von Israel bisher stets abgelehnt. Nun aber kommt er frei, ohne dass Regew und Goldwasser am Leben wären und ohne dass Israel Klarheit über Arads Schicksal bekommt. Deswegen haben drei Minister am Sonntag gegen den Austausch gestimmt. Dagegen wird für Kuntar im Libanon ein feierlicher Empfang vorbereitet. Für Israelis werden die Fernsehbilder von der triumphalen Heimkehr des auch bei den Palästinensern verehrten »Widerstandshelden« unerträglich sein.

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026

Reisen

Lufthansa setzt weiterhin viele Nahost-Flüge aus

Flüge nach Tel Aviv, Teheran und in andere Städte bleiben ausgesetzt. Lufthansa reagiert weiter auf die Lage im Nahen Osten – Charterflüge für Rückholaktionen laufen jedoch weiter.

 09.03.2026

Südlibanon

Zwei israelische Soldaten bei Hisbollah-Angriff getötet

Nach einer vorläufigen Untersuchung der israelischen Armee begann der Vorfall, als ein Panzer während eines Einsatzes stecken blieb

 08.03.2026

Washington

USA intervenieren gegen mögliche Russland-Hilfe für den Iran

Sondergesandter Steve Witkoff kritisiert Moskau dafür, dass es Teheran im Krieg zu unterstützen scheint

 08.03.2026

Iraner in Deutschland

»Einfach leben«

Der Exil-Iraner und Musikmanager Babak Shafian war bisher skeptisch, wenn es um den möglichen Fall des Mullah-Regimes ging. Diesmal ist er hoffnungsvoll. Der Grund dafür ist Israel

 04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Botschafter Ron Prosor: Das Regime in Teheran steht mit dem Rücken zur Wand

Interview

»Ich bin für die klare Haltung Deutschlands dankbar«

Israels Botschafter Ron Prosor zu deutschen Reaktionen nach den Angriffen auf den Iran, zur Sicherheitslage israelischer und jüdischer Einrichtungen sowie zu einer Nachricht zu Purim

von Detlef David Kauschke  02.03.2026