»Galilee Eskimos«

»Der Kibbuz ist nicht tot«

Herr Sobol, in Ihrem Spielfilm »The Galilee Eskimos« erinnern sich zwölf alte Menschen, die man hilflos in einem bankrotten Kibbuz zurückgelassen hat, an die die gute alte Zeit ihres Kollektivs. Sind Sie ein Kibbuznostalgiker?
sobol: Nein. Ich wollte mit meiner Geschichte nur zeigen, dass die Wertvorstellungen des Kollektivlebens auch heute wichtig sind. Diese Werte haben geholfen, den Staat aufzubauen, sie haben die Existenz der Kibbuzim unter existenziellem Druck gesichert, sie haben eine sehr starke Gemeinschaft geformt. In gewisser Weise ist der Film also eine Hommage an die Werte der Gründergeneration. Aber es ist kein nostalgischer Film! Die Geschichte wird vielmehr mit einem Körnchen Ironie erzählt. Die alten Leute im Film kommen zwar nicht gegen diesen riesigen Schuldenberg an, der auf dem Kibbuz lastet. Aber sie halten die Zerstörung ein, zwei Wochen auf. Das reichte mir schon.

Die Geschichte erinnert an Hemingways »Der alte Mann und das Meer«. Auch Ihre Kibbuzniks geben nicht auf, wollen sich ein letztes Mal beweisen.
sobol: Das ist ein sehr guter Vergleich. Die Filmhelden erreichen das Ufer, doch der Fisch ist fort. Es gab eben zu viele Haie im Wasser – die Bank, die Kreditgeber und der Privatinvestor, der aus dem Kibbuz einen Country Club machen will. Eine ähnliche Situation existiert tatsächlich in einigen Kibbuzim, manche stehen kurz vor der Auflösung. Einige Kibbuzveteranen werden sogar ihre Häuser verlassen müssen. Natürlich werden sie nicht hilflos zurückgelassen. Aber der Film ist eine Art Metapher dafür, wie man mit den Werten dieser alten Pioniere umgeht. Es sind die Werte, die man über Bord wirft.
Für Sie sind die Kibbuzim wie die hebräische Sprache ein Teil der israelischen Identität. Was passiert, wenn es die Kollektivbetriebe nicht mehr gibt?
sobol: Das wird nicht passieren. Es gibt natürlich Kibbuzim, die, wie der im Film, bankrottgehen. Doch die Institution Kibbuz wird sehr wahrscheinlich weiter existieren. Ich frage mich nur, bis zu welchem Grad sie dem Druck des globalen Kapitalismus widerstehen kann. Manchen Kibbuzim geht es ganz gut, manchen sogar außerordentlich gut. Nehmen Sie zum Beispiel den Kibbuz, dem ich sieben Jahre angehörte: Jedes der Mitglieder hat rund eine Millionen Schekel auf dem Bankkonto. Das sind praktisch Millionäre. Selbst in den USA gibt es eine Niederlassung ihrer Firma, sie machen sogar an der Wall Street mit.

Die ursprünglich sozialistischen Kibbuzniks spielen unter dem Druck der Globalisierung jetzt also das kapitalistische Spiel mit?
sobol: Ja, sie spielen mit. Und dafür werden einige der alten Werte geopfert. In den Kibbuzim gibt es jetzt unterschiedliche Löhne, man wird nun nach seinem Marktwert entlohnt. Aber für die Erziehung und Ausbildung der im Kibbuz geborenen Kinder übernimmt die Gemeinschaft immer noch bis zu einem gewissen Grad die Verantwortung. Auch ist jedes Mitglied immer noch über den Kibbuz krankenversichert.

Sind Kibbuzim nur noch eine Sache der älteren Generation? Oder gibt es auch junge Leute in Israel, die in kollektiven Formen des Zusammenlebens ihre Perspektive sehen?
sobol: Aber ja! Wir haben den Film im Cameri-Theater gezeigt, vor tausend jungen Leuten aus der Kibbuzbewegung . Ich erhalte auch sehr viele Zuschriften von anderen jungen Leuten. Viele beziehen sich auf ein Theaterstück, das ich 1976 geschrieben habe und das eine Art Kultstatus besitzt, »The Night of the Twentieth«. Es erzählt von einer Gruppe junger Einwanderer, die in den 20er-Jahren einen Kibbuz gründen und darüber diskutieren, wie sie leben wollen. Es gibt sehr viele Gruppen junger Leute, die nicht nur das Stück aufführen wollen, sondern auch nach den Werten leben wollen, um die es in dem Text geht.

Wie erklären Sie sich diese Begeisterung junger Menschen für den alten Way of Life?
sobol: Die haben erkannt, dass unsere Lebensweise eben auch Schattenseiten be-sitzt, dass dieses hysterische Hinterherjagen nach dem Geld letztlich kein Glück bringt. So gibt es eben junge Menschen, die sich für alle möglichen Formen kollektiven Zusammenlebens interessieren, nicht nur auf dem Land, auch in den Städten.

Mit Joshua Sobol sprach Christian Buckard.

Das Berlin Jewish Filmfestival (vgl. S. 17) zeigt »The Galilee Eskimos« als deutsche Erstaufführung am Montag, 18. Juni um 19 Uhr im Kino Arsenal am Potsdamer Platz
www.jffb.de

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