Kiddusch

Der große Tröster

Meine Frau hat mich vor drei Tagen verlassen. Sie ist mit dem Kind nach Israel geflogen und will dort noch eine Woche bleiben. Ferien. Die jüdische Gemeinde hier ist aber sehr mitfühlend, ich habe sehr viele Einladungen für die Schabbat-Mahlzeiten erhalten. Ich bin keiner gefolgt. Lieber schlage ich mir am Kiddusch anonym den Bauch voll, als mitleidvolle Blicke zu ernten. Hier beim Kiddusch gibt es drei verschiedene Kuchen und Salznüsse, die schnell sättigen. Das Weinbudget der Gemeinde ist ziemlich gut dotiert. Der Rabbiner erzählt nach dem Segensspruch etwas Unverständliches zum Wochenabschnitt, niemand hört ihm zu. Dafür ist das Gedränge an den Tischen nicht so riesig. Hier ist es schön, hier kann ich bleiben.
Zum ersten Mal nämlich verweile ich länger am Kiddusch-Tisch. Normalerweise darf ich wegen meiner Frau nie länger als fünf Minuten hier bleiben. Sie macht mir sonst Vorwürfe: »Du frisst dich voll, während wir zu Hause auf dich warten! Und Appetit hat mein lieber Ehemann jetzt natürlich auch keinen mehr.«
Jetzt aber bin ich mal dran. Ich schaufle die Erdnüsse handvoll in mich rein. Bah, niemand stoppt mich!
Mein Frau ist diesen Schabbes irgendwo in Israel eingeladen. Sie hat mir vor ihrer Abreise einen Plan aufgeschrieben, wo sie überall eingeladen ist. Schön, ich freue mich für sie. Dafür leere ich das zweite Schälchen mit Erdnüssen. Oh, die bewirken bei mir so einen schönen Mundgeruch! Den hasst meine Frau. Ach ja? Wissen Sie, ich darf normalerweise nicht alles beim Kiddusch essen. Der Tscholent bläht mich auf, das Sprudelwasser verleitet zum Rülpsen, und Salzstangen sowie Salznüsse verursachen bei mir angeblich schlimmen Mundgeruch. Um meiner Frau zu gehorchen, trinke ich nur stilles Wasser und esse Dörrfrüchte.
Aber jetzt ist sie ja nicht da, meine Frau. Hemmungslos stürze ich mich auf den voll gedeckten Tisch. Blöde Kinder schubse ich auf die Seite. Was haben die hier eigentlich zu suchen? Sind erst vor einer halben Stunde in die Synagoge gekommen und mästen sich jetzt auf meine Gemeindesteuer.
Meine Frau hat mir noch einen zweiten Plan aufgeschrieben. Darin steht eine lange Pendenzenliste, was ich in ihrer Abwesenheit alles machen muss. »Gesund ernähren«, »Sport treiben«, »Lampe an- bringen«, »Mutter anrufen« und so weiter. Sie hat Angst, dass, wenn sie wiederkommt, ich mich in einen Einsiedler verwandelt habe. Ha! Die Wohnung sieht super aus. In der Küche war ich schon seit drei Tagen nicht mehr. Ich rühre nichts an. Dafür schlage ich hier zu. Mist, ein leckeres Kuchenstück ging gerade an den dicken Herrn dort verloren. Na gut, dafür schnappe ich mir die Whiskey-Flasche.
Meine Frau ist jetzt irgendwo in Jerusalem oder so. Sie hat dort viele Freunde. Und mich hat sie ganz allein gelassen. Ich fühle mich hier im Synagogenraum wie auf dem Bild von Edward Hopper, wo die in der Bar da saufen wie ich jetzt. Jawohl. Ich trinke jetzt nochmals einen auf mich. Den habe ich mir verdient. Lässt mich einfach alleine. Sie, also meine Frau. Unerhört. Zu Hause kein Toilettenpapier mehr. Weg – alles.
Aber hier viele Freunde. Du mit Bart, Rabbi! Dich mag ich. Versteh’ dich zwar nicht immer, aber du bist okay. Aber meine Frau, verd...! Ich vermisse sie. Bin doch auch nur ein Mensch, Mann. Noch einen auf mich. Und jetzt einen auf alle einsamen Männer! Ja, schon gut, bin ja wieder leise. Lasst mich doch! He du, bist du auch alleine? Weißt du, meine Frau ist in Isralalala. Hab ich doch gesagt! Ist hier eigentlich niemand da, der mittrinkt? Ihr seid doch Waschlappen, seid wohl alle verheiratet, was? Fass’ mich nicht an! Ich geh’ ja schon. Beni Frenkel

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