rückerstattung

Der gestohlene Alltag

Bei der Internationalen Holocaust-Konferenz in Prag waren sich die 46 Teilnehmerstaaten einig: Sechs Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Herrschaft benötigen die Überlebenden der Schoa dringend Hilfe. Denn sie haben heute ein hohes Alter erreicht – selbst jene, die das Kriegsende als kleine Kinder erlebten. Umso mehr muss es darum gehen, dass ihnen ein selbstbestimmter Lebensabend in Würde ermöglicht wird. Dies ist eines der Hauptanliegen der »Theresienstädter Erklärung« vom 30. Juni 2009.
Ein weiterer Schwerpunkt der Prager Konferenz waren die »Holocaust Era Assets«, also die geraubten Vermögenswerte. In diesem Zusammenhang spielt das Thema »Raubkunst« eine wichtige Rolle. 1998 waren in den Washingtoner Prinzipien »faire und gerechte Lösungen« zwischen den Opfern und den heutigen Besitzern von während der Schoa geraubten Kulturgütern gefordert worden. Heute muss man fragen, warum es immer noch keine Einrichtung gibt, an die sich Holocaust-Überlebende wenden können. Wo erhalten Betroffene Hilfe, wenn sie von den Nazis ge- raubte Kunstobjekte und anderes Vermögen ihrer Familie suchen oder vielleicht bereits in Museen, Galerien und Archiven gefunden haben?
In den Medien geht es zumeist nur um Spitzenobjekte der Malerei, zum Beispiel die »Goldene Adele« von Gustav Klimt oder die »Straßenszene« von Ernst Ludwig Kirchner. Folglich finden die vielen anderen geraubten Dinge des »Alltags« weniger oder gar keine Beachtung. Zu Unrecht. Denn für die Überlebenden und ihre Nachkommen stellen solche Objekte – Briefe, kunstgewerbliche Arbeiten, Gemälde – oft das einzige sichtbare Band zu ihren ermordeten Angehörigen dar. Sie sind von immensem familiengeschichtlichen Wert, weil häufig nicht einmal ein Foto vom Vater oder Großvater existiert. Ein Beispiel: Eine Marmorbüste von Max Klinger zeigt einen Knaben im Matrosenkostüm. Es ist ein Porträt des elfjährigen Reinhold Meyer. Die Büste musste in der Berliner Voßstraße 16 zurückgelassen werden, denn Haus und Grund wurden für Hitlers Neue Reichskanzlei benötigt. Auf ungeklärtem Wege kam das Werk in die Sammlung des Dresdner Arztes und Kunstsammlers Paul Geipel und von dort in das Museum der Bildenden Künste in Leipzig. Nur durch Vermittlung der Claims Conference konnte die Büste an die Familie zurückgegeben werden.
Wie könnte eine »faire und gerechte Lösung« aussehen? Die Claims Conference hat zu dieser Frage eine Studie erstellt. In ihr wird untersucht, welche Anstrengungen die einzelnen Länder seit der Washingtoner Erklärung 1998 in dieser Frage unternommen haben. So gehört die Bundesrepublik neben den Niederlanden, Tschechien und Österreich zu jenen Staaten, in denen »nachhaltige« Schritte veranlasst wurden. Doch bedeutet dies nicht automatisch, dass hier alles zum Besten steht.
In Deutschland haben sich viele Museen um Provenienzforschung bemüht, auch der Bund ist aktiv. Die heute zuständige Behörde, das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV), hat fragliche Objekte veröffentlicht und darüber hinaus auch wichtige historische Unterlagen im Internet zur Verfügung gestellt (www.badv.bund.de). Seit vergangenem Jahr ist bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine »Arbeitsstelle Provenienzforschung« tätig, die über die Vergabe von Zuschüssen aus Bundesmitteln für Prove- nienzforschung entscheidet.
Dennoch begnügen sich hierzulande die Verantwortlichen für Kultureinrichtungen weiterhin zu oft mit kurzfristigen Recherchen in Einzelfällen – und das geschieht auch erst dann, wenn seitens der geschädigten Familien eine Rückgabe gefordert wurde. Eine umfassende und gründliche Provenienzforschung kann aber nicht im »Hau-Ruck-Verfahren« erledigt werden. Defizite, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben, können von den Verantwortlichen nur mit Ausdauer behoben werden. Sachsen geht einen beispielhaften Weg: Das Bundesland stellt 16 Millionen Euro für die Erforschung der Geschichte der Dresdner Sammlungen zur Verfügung.

neue generation Gerade in Deutschland waren Museen als Institutionen und deren Direktoren – kraft ihres Amtes – während der Nazi-Diktatur eingebunden, wenn geraubt und geplündert wurde. Doch Max Hollein vom Frankfurter Staedel oder Raphael Gross vom Jüdischen Museum Frankfurt stehen für eine neue Generation von Leitungspersönlichkeiten: »Wir wollen nichts Geraubtes in unseren Museen«, betonten beide vor Kurzem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie stellen sich offenkundig der Geschichte und fühlen sich moralisch dazu verpflichtet, auch wenn sie dafür von Vertretern der »Schlussstrich-Mentalität« kritisiert werden.
Umso wichtiger ist es, nicht nur Archive und andere Institutionen zu unterstützen, sondern vor allem den betroffenen Familien kompetent und umfassend bei der Suche nach geraubten Objekten und bei der Durchsetzung von »fairen und gerechten Lösungen« zu helfen. Die Arbeitsstelle Provenienzforschung versteht sich ebenso wie die Magdeburger Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste (NS-Raubkunst und »Beutekunst«) als eine Einrichtung für die Museen. Für die betroffenen Opfer, denen ihr Familienbesitz geraubt worden ist, gibt es bisher nichts Vergleichbares. Leider.
Zwar können Privatpersonen im Internet unter www.lostart.de Suchmeldungen veröffentlichen. Aber hierfür benötigt man konkrete Informationen und am besten eine Abbildung – also genau das, was oft erst noch recherchiert und ermittelt werden müsste. Zudem sind für Provenienzrecherchen in hohem Maße spezielle Fachkenntnisse erforderlich. Ganz abgesehen davon, dass nicht selten aufwendige Forschungen im In- und Ausland unumgänglich sind. Das wiederum setzt nicht nur besonderes Wissen voraus, sondern auch entsprechende finanzielle Möglichkeiten.
Für die Opfer und ihre Hinterbliebenen wäre es deshalb von größter Wichtigkeit und eine Hilfe von unschätzbarem Wert, wenn es in Deutschland eine Anlaufstelle bei Fragen zum NS-Kunstraub geben würde. Vorbilder für eine solche Einrichtung findet man im Ausland. In den USA zum Beispiel bietet das »Holocaust Claims Processing Office (HCPO)« beim New York State Banking Departement konkrete Hilfestellung für Familien an, die von NS-verfolgungsbedingten Vermögensverlusten betroffen sind. Geschädigte haben dort die Möglichkeit, sich beraten und Sachverhalte recherchieren zu lassen. Und das kostenlos. In Österreich hat die Israelitische Kultusgemeinde eine Abteilung eingerichtet, an die sich jüdisch-österreichische NS-Verfolgte und ihre Nachfahren wenden können.
service Welche Kernaufgaben müsste eine Anlaufstelle erfüllen? Zuallererst sollte sie informieren. Wer wissen möchte, welcher rechtliche Rahmen für Rückgaben existiert, welche Datenbanken für geraubte Kulturgüter zu nutzen sind und in welchen Archiven Unterlagen liegen könnten, sollte von einer solchen Einrichtung Hilfe erhalten. Darüber hinaus wird die konkrete Unterstützung bei der Kontaktaufnahme mit Archiven, Bibliotheken und Museen notwendig sein. Dies ist besonders wichtig für Menschen, die im Ausland leben und mit der deutschen Sprache nicht vertraut sind.
Auch wäre es wünschenswert, wenn die Anlaufstelle bei der eigentlichen Provenienzforschung hilfreich zupacken würde. Wer ist schon in der Lage, aus den USA, aus Israel oder Australien nach Deutschland zu kommen, um dort in diversen Archiven aufwendige Recherchen zu betreiben? Auf diesem Weg könnten betroffene Familien auch mehr über das Schicksal ihrer Angehörigen erfahren.
Eine solche, auf Service ausgerichtete Anlaufstelle wäre gerade in Deutschland sinnvoll und wichtig. Zumal dafür das Rad nicht neu erfunden werden müsste. Immerhin gibt es ja eine vom Bund getragene »Zentrale Auskunftsstelle zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts« bei der Oberfinanzdirektion Köln. Es sollte somit keine unlösbare Aufgabe sein, für den gesamten Bereich der NS-Raubkunst, der außerhalb der bestehenden gesetzlichen Regelungen liegt, eine vergleichbare Anlaufstelle aufzubauen.
Dies wäre für die Opfer und deren Familien, aber auch für die deutschen Institutionen ein großer Gewinn. Obendrein trüge die Arbeit einer solchen Anlaufstelle den Keim der Versöhnung in sich. Denn damit würde den einst Verfolgten gezeigt, dass sie wertgeschätzt werden. Und dass Deutschland bereit ist, ihnen zu helfen.

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