Nahostpolitik

Der fremde Freund

Benjamin Netanjahu weiß es ganz genau: US-Präsident Barack Obama ist von jüdischen Beratern geradezu umzingelt – und zwar von Juden, die sich selbst nicht leiden können. Diese Einschätzung des israelischen Premiers kolportiert zumindest die Tageszeitung Haaretz, auch wenn das Weiße Haus umge- hend darauf hinwies, dass Netanjahu diese Äußerung schon längst dementiert habe. »Es ist eine Lüge«, sagte Netanjahu. Doch der Premier bestätigte gleichzeitig, dass es »gelegentliche Meinungsunterschiede« zu den Präsidentenberatern gibt.
In der israelischen Bevölkerung beträgt die öffentliche Unterstützung für Obama zur Zeit nur noch magere vier Prozent. Wie dramatisch das ist, zeigen die Werte von Obamas Vorgänger: 92 Prozent votierten für die Politik von George W. Bush.

selbsthass? Zwei der wichtigsten Berater von Barack Obama sind Juden: Rahm Emanuel und David Axelrod. Ihr Judentum leugnet niemand, auch sie selbst nicht. In der amerikanischen Politik ist das auch kein Makel. Schließlich haben Politiker wie die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright oder der einstige Präsidentschaftskandidat John Kerry inzwischen ihre jüdischen Wurzeln entdeckt.
Aber ist die dramatisch gesunkene israelische Unterstützung für den amtierenden amerikanischen Präsidenten ein Beleg für den vermeintlichen jüdischen Selbsthass der Obama-Berater? Oder verhält es sich andersherum: Handelt es sich bei Emanuel und Axelrod deshalb um selbstbewusste Juden, weil sie davon überzeugt sind, dass nur sie den schmerzvollen, aber nötigen Druck auf Jerusalem ausüben können, damit der Friedensprozess letztendlich erfolgreich verläuft?
Sollten die Präsidentenberater zu Beginn von Obamas Amtszeit dieser Auffassung gewesen sein, so ist inzwischen klar geworden, dass ihre Haltung auf erheblichen Widerstand stößt. Nicht nur in den USA, sondern vor allem auch in Israel. Selbst wenn Rahm Emanuel und David Axelrod die mächtigsten jüdischen Politiker auf der ganzen Welt sein sollten (wie manchmal behauptet wird), setzt ein ebenfalls nicht ganz einflussloser Benjamin Netanjahu alles daran, deren Pläne zu durchkreuzen.
An Barack Obama scheiden sich die jüdischen Geister Amerikas schon lange. Die Juden in der Demokratischen Partei zählten mehrheitlich zu den stärksten Anhänger von Obamas parteiinterner Konkurrentin Hillary Clinton. Und erst nach seiner Nominierung als Präsidentschaftskandidat machte Obama dem mächtigen konservativen »American Israel Public Affairs Committee«(AIPAC) seine Aufwartung. Dort versprach er zwar, »alles« für die Verteidigung des Staates Israel zu tun. Doch trotz dieses Schwurs setzten ältere jüdische Wähler (vor allem die in den sogenannten Swing States wie Florida) bis zuletzt auf den republikanischen Bewerber John McCain. Es war dann Comedystar Sarah Silverman, die mitten im Wahlkampf für Obama das Video »The Great Schlep« drehte, in dem jüdische Jugendliche aufgefordert wurden, nach Florida zu ihren Großeltern zu reisen, um diese von den Qualitäten des demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu überzeugen.
Dass Obama bei Amerikas Juden so umstritten ist, mag daran liegen, dass er sowohl im Wahlkampf wie auch im Amt des Präsidenten gleichzeitig als Freund der Araber und der Israelis wahrgenommen werden will. Kein leichtes, sondern eher ein idealistisches Unterfangen bei diesen beiden Kontrahenten. Doch Obama ist auch der Überzeugung, dass sich dort ohne Hilfe von außen politisch nichts mehr bewegt.

Hohn und spott Aber die Visionen des US-Präsidenten werden immer häufiger aufs Korn genommen. Die populäre TV-Show »Saturday Night Live« zeigt neuerdings immer häufiger satirische Beiträge über Obama und ist damit so erfolgreich wie mit ihren beißenden Parodien auf Sarah Palin. Und ein von dem Dokumentarfilmer Max Blumenthal am Vorabend von Obamas Kairoer Rede gedrehtes Video hat sowohl in Amerika als auch in Israel einen wahren Schock ausgelöst: Der Film zeigt jüdisch-amerikanische Teenager in Jerusalem, die in betrunkenem Zustand Obama rassistisch beleidigen und Netanjahu überschwenglich loben.
Für die jüdische Gemeinschaft ist Obama Symptom eines strukturellen Problems: Die Kluft zwischen Israelis und Amerikas Juden wird tiefer. Gerade bei jungen Menschen macht sich das bemerkbar. Das zionistische Projekt vermag es kaum noch, Juden in der Diaspora an sich zu binden. Amerikas Juden halten die Israelis zunehmend für barbarische Paranoiker. Umgekehrt gelten in Israel die reichen Brüder aus den USA als naiv und dekadent. Noch hat die Spaltung nicht jenes Ausmaß erreicht wie das zwischen West- und Ostjuden im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts. Aber selbst ein kleiner Graben kann große Folgen haben.
Das Judentum der Präsidentenberater Rahm Emanuel und David Axelrod mag sie formal mit Benjamin Netanjahu verbinden. Doch die Gemeinsamkeit trägt nicht mehr weit. Jetzt machen die Jungen Politik. Nach ihren Vorstellungen.

Washington D.C.

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