Rabbiner-Ordination

Der erste Schritt

von Detlef David Kauschke

Es war ein Auftakt mit Pauken und Trompeten. Als am Mittwochnachmittag die drei Kandidaten zur akademischen Abschlußfeier den Festsaal des Dresdner Rathauses betraten, ertönte Bach-Musik. Es gab Bläserfanfaren und Trommelwirbel. Als Symbol für ein Ereignis, das schon zuvor vielfach als »historisch« und als »Meilenstein im Leben der jüdischen Gemeinschaft dieses Landes« bezeichnet wurde. Nach mehrjährigem Studium hatten Daniel Alter, Tomas Kucera und Malcolm Mattitiani mit diesem Tag den akademischen Teil ihrer Ausbildung am Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg offiziell abgeschlossen. Am nächsten Tag sollten sie in der Synagoge zum Rabbiner ordiniert werden.
Aber nicht in Potsdam oder Berlin fanden die zweitägigen Feierlichkeiten statt, sondern in Dresden. Die Verantwortlichen des Geiger-Kollegs und des Zentralrats der Juden in Deutschland hatten die sächsische Landeshauptstadt bewußt ausgewählt. Man wollte ein positives Bild einer ostdeutschen Gemeinde vermitteln. »Das ist für uns eine tolle Sache«, sagte Dresdens Gemeindevorsitzende Nora Goldenbogen. Sie sieht die Feiern als »ein Zeichen für die Lebendigkeit des Judentums in unserer Stadt.« Daß Dresden als Schauplatz der Ordinationsfeier bestimmt wurde, erfülle seine Stadt mit Stolz und Freude, sagte Bürgermeister Lutz Vogel. Auch für den Freistaat Sachsen sei dies eine Ehre, betonte Ministerpräsident Georg Milbradt. Das jüdische Leben sei hier wieder in den Alltag eingekehrt.
Man habe sich für Dresden entschieden, weil damit auch ein Zeichen der Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft hierzulande gesetzt werden sollte, sagte Rabbiner Walter Homolka, der Rektor des Geiger-Kollegs. Das 1999 gegründete Institut sieht sich in der Nachfolge der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Diese wurde 1942 von den Nationalsozialisten geschlossen, zwei Jahre zuvor hatte dort die letzte Rabbinerordination stattgefunden. 2001 nahm am Geiger-Kolleg der erste Jahrgang sein Studium auf. Jetzt haben es die ersten Studenten abgeschlossen.
Die Ordinationsfeier wurde gemeinsam von dem zur Weltunion für Progressives Judentum gehörenden Abraham-Geiger-Kolleg und dem Zentralrat organisiert. Dessen Vizepräsident Dieter Graumann möchte dies als »politisches Signal« verstanden wissen. Dafür, daß es Vielfalt in Einheit gebe und daß zusammenbleibt, was zusammengehört: »Wir Juden in Deutschland wollen politisch mit einer Stimme sprechen.«
Der Aufwand, der am Donnerstag in der Synagoge am Hasenberg zu beobachten war, hat viele erstaunt. Das Fernsehen übertrug die Ordinationsfeier live. Rund 300 Gäste nahmen an der Zeremonie teil, darunter Vertreter aus Politik und Gesellschaft, allen voran Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Georg Milbradt und sein brandenburgischer Amtskollege Matthias Platzeck. Mit dabei waren auch hohe Vertreter der christlichen Kirchen und der Muslime. Der Ablaufplan war minutiös und umfaßte 19 Seiten. Vom Einzug in die Synagoge – begleitet von Blechbläsern – über die Toralesung bis zur Überreichung der Ordinationsurkunden und den Schlußsegen. Am Gottesdienst wirkten 16 Rabbiner mit. Auch dessen Ablauf war für Dresden ein Novum: Dort, wo sonst in liberaler Tradition gebetet wird, lief es diesmal nach reformiertem Ritus. Frauen auf der Bima und am Toraschrein, »das hat es bei uns noch nie gegeben«, sagte Heinz-Joachim Aris, der Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. »Dieser Tag ist von Gott erschaffen, wir sollten uns freuen und ihn feiern«, zitierte Rabbiner Walter Jacob, Präsident des Abraham-Geiger-Kollegs, den Psalmenvers. Er war es auch, der den Akt der Ordination mit der Formel vornahm: »Entscheide alles Gute für Israel und die Welt.« Dabei legte er seine Hände auf die Schultern des jeweiligen Kandidaten und flüsterte ihm danach ein persönliches Wort ins Ohr. Hinter jedem der drei stand ein erfahrener Rabbiner als Pate.
War diese erste Rabbinerordination ein Zeichen der vielbeschworenen Normalisierung jüdischen Lebens in Deutschland? Davon zu sprechen, sei verfrüht, findet Rabbiner Walter Homolka. Und Dieter Graumann sagt: »Normalität stellt sich erst ein, wenn man nicht mehr darüber sprechen muß.« Dieses Ereignis sei ein Grund zur Freude. Gleichwohl warnte Graumann vor zuviel Euphorie. Dies sei erst ein Anfang, sagte der Zentralratsvize. »Drei Rabbiner machen noch keinen jüdischen Sommer.« Deutschland brauche mehr Rab- biner, »mindestens dreimal dreißig«. Graumann wünscht sich, daß die Suche nach Rabbinern im Ausland ein Ende haben könnte, und daß statt dessen in Deutschland Rabbiner für die ganze Welt ausgebildet werden. Vielleicht könnten Rabbiner »made in Germany« eines Tages ein- mal ein Exportschlager werden.

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026