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Der Deutsche

von Karen Naundorf

Früher war es leichter, Bernardo zu finden. Er arbeitete im Café »The City«, mitten im Finanzbezirk von Buenos Aires. Lief zwischen den kleinen quadratischen Tischen entlang und bot seine Dienste an: »Putze Schuhe, putze Schuhe!« Jetzt hat »The City« einen neuen Besitzer. Seitdem ist Bernardo nur noch stundenweise dort, den Rest des Tages zieht er durch verschiedene Cafés und Büros. Immer mit einem kleinen Schemel und einer schwarzen Holzkiste unter dem Arm, aufgestützt auf einen Stock. »Ich bin der einzige deutsche Schuhputzer in Buenos Aires«, sagt Bernardo Jerochim. »Jetzt kann ich das auch beweisen.« Der 79jährige holt seinen deutschen Paß aus der Brusttasche seines weinroten Hemdes, über dem er einen Strickpullunder und ein warmes Fleece-Oberteil trägt. Vorsichtig legt er ihn auf den Tisch, mit beiden Händen, seine Finger sind mit schwarzer und brauner Schuhcreme verschmiert. Der Paß ist neu. Bernardo hat ihn erst letzte Woche bei der Botschaft abgeholt.
Früher hieß Bernardo Bernhard und wohnte in der Andreasstraße in Berlin. Als er zehn Jahre alt war, flohen die Jerochims im Juni 1938 nach Buenos Aires. Gerade rechtzeitig, bevor die Nazis deutschen Juden im Oktober die Reisepässe wegnahmen und 1941 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannten. Seitdem wohnt Ber- nardo in Argentinien. »Aber ich bin Deutscher. Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg gekämpft, war viermal verletzt und bekam das Eiserne Kreuz«, sagt er. Er spricht Deutsch, nur wenn ihm ein Wort nicht einfällt, wechselt er ins Spanische. Plötzlich macht er eine Pause. »Wenn Sie Deutsche sind… Kennen Sie das?« fragt er. Leise fängt Bernardo an zu singen. »Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein’ Fuß. Hat ein’ Zettel im Schnabel, von der Mutter ein’ Gruß.«
In Argentinien ging Bernardo nur ein Jahr zur Schule. Lernen war Luxus. Bernardo mußte Geld verdienen und mittags für die jüngeren Geschwister kochen, während seine Mutter auf dem Markt Stoffe verkaufte. Der Vater starb, kurz nachdem die Familie in Argentinien angekommen war. 1975 versuchte Bernardo zum ersten Mal, den deutschen Paß zurückzubekommen. »Ich wollte meinen Kindern die Möglichkeit geben, Deutsche zu werden«, sagt er. Aber ihm fehlte die Geburtsurkunde des Vaters, um seine Herkunft zu beweisen. Außerdem war der Paß zu teuer. Bernardo gab auf.
Drei Pesos, das sind 75 Cent, kostet einmal Schuhe putzen. Der Kunde stellt den Fuß auf die schwarze Kiste, in der Bernardo eine alte Zahnbürste und mehrere flache Dosen aufbewahrt. Sanft säubert er den Schuh mit einer weichen Bürste, dann kommt eine Creme, die das Leder weich macht, Wachs, das es imprägniert. »Und zum Schluß die Pomade. Ich trage sie mit einem Tuch auf und massiere die Füße durch den Schuh durch«, sagt Bernardo, den seine Geschwister Berni nennen. Berni, den Einäugigen, weil er das rechte Auge verlor, als er acht Jahre alt war. Ein Bruder schoß ihm am Weihnachtsabend beim Spielen einen Pfeil ins Auge. Ein paarmal versuchte Bernardo, mit seinen Geschwistern Kontakt aufzunehmen. Doch die Schwester, die noch in Buenos Aires wohnt, hat kein Interesse, weil Bernardo eine Nicht-Jüdin geheiratet hat. Nur Erwin, der mit seiner Frau in Israel wohnt, hat Bernardo einmal besucht. Werner, der nach dem Krieg nach Berlin zurückgekehrt war, starb vor zwei Monaten.
Für die Argentinier war Bernardo immer »el alemán«, der Deutsche. Daß sein »R« seltsam gerollt klingt, fiel vor etwa drei Jahren auch einem seiner Kunden auf, Alejandro Candioti. Der junge Anwalt arbeitete damals in einer Kanzlei gleich um die Ecke von »The City«. »Doktor Candioti hat gleich gehört, daß Spanisch nicht meine Muttersprache ist«, sagt Bernardo. Candioti fragte. Bernardo erzählte. Der Anwalt konnte nicht glauben, daß die Deutschen Bernardo keinen Paß geben wollten und nahm sich der Sache an. Versuchte, alle nötigen Papiere zu bekommen. Sprach mit der deutschen Botschaft. Nahm Kontakt zum Berliner Senat auf, der Bernardo Jerochim sofort eine offizielle Einladung schickte. Doch als Staatenloser konnte Jerochim Argentinien nicht verlassen. »Es gab einfach keinen ‚fast track‘ für Bernardo, die deutsche Staatsangehörigkeit zurückzu- bekommen«, sagt Candioti, dessen Schuhe perfekt geputzt sind. »Er wurde behandelt wie alle Antragsteller auch.«
Also sprach der Anwalt mit seinem Vater, Enrique Candioti, Botschafter der Republik Argentinien in Berlin. Der wiederum erzählte auf einer Taxifahrt Baruj Te- nembaum, dem Präsident der Raoul Wallenberg-Stiftung von Bernardo. Und damit kamen die Dinge ins Rollen. Candioti machte Bernardo Mut. Als er für ein paar Tage in Berlin war, machte er Fotos von der Andreasstraße, in der Bernardo als Kind gewohnt hatte. Erledigte Behördengänge. »Irgendwann merkte ich, daß ich den Beamten sagte: Ich bin im Auftrag eines Freundes hier«, berichtet Candioti. »Ich war selbst überrascht, das paßte eigentlich nicht zusammen. Erfolgreicher, katholischer Anwalt, dem alle Möglichkeiten offenstehen. Und ein Schuhputzer im Rentenalter.«
Im April 2006 lud der deutsche Botschafter Bernardo zu einem Empfang ein. »Ich wurde fürstlich empfangen, und die Rede des Botschafters war exzellent«, sagt Bernardo. »Meine Tochter mußte weinen.« Letzte Woche konnte er den Paß in der Botschaft abholen: »Diesmal mußte ich nicht mal meinen Namen sagen, die Leute am Eingang haben mich sofort erkannt.«
Bernardos Lieblingscafé heißt Portofino, es ist direkt gegenüber von »The City«. Wie alle Bars im Zentrum hat es große Fenster, das Licht ist grell. In der Mitte des Raumes stehen Männer in Anzügen an der Bar und trinken aus kleinen Täßchen Cortado, Espresso mit einer Haube aus Milchschaum. Um die Bar herum stehen kleine quadratische Tische, die je nach Gruppengröße zusammengeschoben werden. Bernardo mag das Portofino, weil er hier willkommen ist. Als seine Geschichte in der lokalen Tageszeitung stand, haben alle Kellner applaudiert. Candioti kommt mit dem Taxi. Der Anwalt hat sich mit Bernardo verabredet, um Formulare auszufüllen. Denn jetzt, wo der Paß da ist, kann Bernardo die Einladung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit nach Berlin annehmen. Im September geht es los. Bernardo macht sich schon jetzt Sorgen, weil Deutschland teuer ist und in der Einladung nur steht, daß es Frühstück gibt.
»Wo ist Dein Paß?« fragt Candioti. Er will das Dokument, um das beide seit mehr als drei Jahren gekämpft haben, in den Händen halten. Langsam blättert er das Dokument durch. Blatt für Blatt. »Das Foto habe ich gemacht«, sagt er und lächelt. »Wie lange darf ich eigentlich in Deutschland bleiben?« fragt Bernardo. »So lange Du willst«, antwortet Candioti.

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