Ralph Klein

Der bescheidene Gewinner

von Igal Avidan

Im Jahr 1951 kam ein großer, schlanker 19-Jähriger zum alten Basketballplatz in Tel Aviv und bat auf Deutsch darum, bei Maccabi mitspielen zu dürfen. Der Neueinwanderer Ralph Klein konnte kein Wort Hebräisch. Am vorvergangenen Freitag, dem 8. August, gingen Tausende Israelis am Sarg des größten Sportlers des Landes vorbei, der am Tag zuvor einem langjährigen Krebsleiden erlegen war. Der 77-jährige Klein galt als »Winner« und zionistischer Patriot, aber er war auch ein sehr freundlicher, ehrlicher, selbstbewusster und zugleich bescheidener und optimistischer Mensch – vielleicht gerade, weil er den Holocaust überlebt hatte.
Ralph Klein wird 1931 in Berlin geboren. Sein Vater Rudolf ist Besitzer einer Möbelfabrik, zu deren Kunden sogar Hermann Göring gehört. Ralph wächst in einer Sieben-Zimmer-Wohnung in Wilmersdorf auf, die Wochenenden verbringt die Familie in ihrer Villa am Wannsee, den Sommer in ihrer Residenz am Plattensee in Ungarn, den Skiurlaub in einem Nobelhotel im Sudetenland. Beim Pogrom 1938 hört Ralph die Schreie der betenden Juden aus der benachbarten Synagoge, aber die Fabrik der Kleins wird in jener Nacht verschont: Die 400 Mitarbeiter bilden eine Menschenkette um das Gebäude – so sehr lieben sie die Kleins.
Aber als der Antisemitismus unerträglich wird, verlassen die Kleins Anfang 1939 Deutschland gen Ungarn: Vom Zionismus will Rudolf Klein nichts wissen. In Budapest wird Ralph, der zusammen mit Josef (Tommy) Lapid die jüdische Schule besucht, von ungarischen Kindern mit Steinen beworfen. Er schlägt jedoch zurück. 1943 verhaften die faschistischen Milizen Vater Rudolf. Er wird in Auschwitz vergast, Ralphs Schwester Ruth überlebt das Lager. Die Mutter Elisabeth Klein erkauft für sich, Ralph und seinen Bruder Tibi einen Platz in einem der Schutzhäuser des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. Ende 1944 beginnen die Nazis, Kleins Nachbarn zu verhaften und am Ufer der Donau zu erschießen. Als sie Kleins Haus erreichen, rettet Elisabeth sich und ihre beiden Kinder durch Bestechungsgeld. »Einmal entkamen wir auf der Straße den Bomben von zwei Kampfflugzeugen«, erzählte mir Ralph Klein vor einigen Jahren. »In der letzten Kriegsnacht wurde unser Haus mit 46 Granaten in eine Ruine verwandelt. Weil wir auf der Straße waren, überlebten wir.«
In Israel wollte er diese Erinnerungen verdrängen, um »von vorne anzufangen«. Das tat er als Spieler und später als Trainer – mit beispiellosem Erfolg. Bereits 1952 spielte er für die Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Helsinki. Seine Erfolge umfassen elf nationale Meisterschaften und zehn nationale Pokalsiege, allesamt errungen mit Maccabi Tel Aviv.
Kleins größter Sieg kam 1977, als Maccabi Tel Aviv zum ersten Mal ZSKA Moskau bezwang. Kein Israeli, der jene Nacht des 17. Februar 1977 erlebte, wird »das Wunder von Virton« vergessen – so hieß die kleine belgische Stadt, in der die Partie stattfand. Die Sowjets hatten sich geweigert, in Israel zu spielen oder die Israelis nach Moskau einzuladen. Nach dem Sieg sprangen jubelnde Israelis in das Wasserbecken vor dem Tel Aviver Rathaus, um den »Unabhängigkeitstag des israelischen Sports« zu feiern.
Sechs Wochen später gewannen Klein und Maccabi den ersten Europapokal. Dieser Sieg verdrängte sogar den dramatischen Fernsehauftritt des Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, bei dem er seinen Rücktritt verkündete. 1979 führte Klein das israelische Nationalteam auf den zweiten Platz bei der Europameisterschaft – bis heute der größte nationale Basketballerfolg.
1983 nahm Klein das Angebot von Saturn Köln und der deutschen Nationalmannschaft an, deren Coach zu werden. Seine Erklärung: »Hätte ich nicht den Holocaust überlebt, würde ich sicherlich nicht nach Deutschland gehen. So hatte ich jedoch ein moralisches Recht dazu. Außerdem ist Deutschland anders geworden.« 1985 führte er das deutsche Team zum besten Erfolg bis dahin: auf den 5. Platz beim »Eurobasket«. Trotz Ruhm und schwerer Krankheit war Klein bis zuletzt Trainer des Mädchenteams des Ruppin College, dem er die College-Meisterschaft sicherte. Seine Biografie Der Coach beendete Klein mit seinen zehn Geboten. Deren letztes lautet: Lerne von deinen Spielern und höre ihnen zu, denn sie sind die Hauptakteure.

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