Literatur

Das Schiller-Missverständnis

Als 1859 die Deutschen den 100. Geburtstag Friedrich Schillers begingen, notierte der Rabbiner und Historiker Meyer Kayserling, dass die Werke des Dichterfürsten »unter den Kopfkissen der jüdischen Jungfrauen« lagen und »die jüdischen Jünglinge diesen Lieblingsdichter den spähenden Blicken ihrer deutsche Bildung verhöhnenden Lehrer zu verbergen wussten«. Auf »ihren Schiller« ließen Deutschlands Juden nichts kommen.
Dabei stand Friedrich Schiller – ähnlich wie Goethe, aber im deutlichen Unterschied zu Herder und Lessing – dem Judentum zumindest gleichgültig, wenn nicht gar negativ gegenüber. In seiner Jenaer Vorlesung vom Sommer 1790 »Die Sendung Mosis« plädierte er zwar für eine gerechte Beurteilung der »Hebräer«, warf ihnen gleichzeitig aber »Unwürdigkeit und Verworfenheit« vor.
»Die Sendung Mosis« beginnt mit einer Aussage, die später als der Inbegriff eines antisemitischen Slogans verstanden wurde: Die Juden bildeten einen »Staat im Staat«. Originalton Schiller: »Die Ebräer kamen, wie bekannt ist, als eine einzige Nomaden Familie, die nicht über 70 Seelen begriff, nach Egypten, und wurden erst in Egypten zum Volk.« Und weiter: »Eine solche abgesonderte Menschenmenge im Herzen des Reichs, durch ihre nomadische Lebensart müßig, die unter sich sehr genau zusammenhielt, mit dem Staat aber gar kein Interesse gemein hatte, konnte bei einem feindlichen Einfall gefährlich werden, und leicht in Versuchung geraten, die Schwäche des Staats, deren müßige Zuschauerin sie war, zu benutzen. Die Staatsklugheit riet also, sie scharf zu bewachen, zu beschäftigen, und auf Verminderung ihrer Anzahl zu denken.« Deswegen, so folgerte Schiller, hätten die Ägypter die Israeliten versklavt, weil sie dem Staat der Ägypter hätten »gefährlich« werden können.
Auch das historische Verdienst, den Glauben an den einen Gott formuliert zu haben, wollte Schiller den Juden nicht zugestehen. Nach der langen Sklaverei in Ägypten seien bei ihnen »weder Eintracht noch Zuversicht, weder Selbstgefühl noch Muth, weder Gemeingeist noch eine kühne Thaten weckende Begeisterung« feststellbar gewesen. Aus eigener Kraft seien sie nicht fähig gewesen, eine selbstständige Nation mit einer Staatsverfassung zu bilden. Die Folge: Moses musste ihnen aus der Klemme helfen und ihnen eine – von den Ägyptern – entliehene Religion geben. Nur der »Glaube an übernatürliche Kräfte« habe bewirkt, dass aus der Horde von Sklaven wieder unabhängige Menschen wurden.
.Drei Jahre nach dem öffentlichen Erscheinen von Schillers »Moses«-Text warf auch der Philosoph Johann Gottlieb Fichte den Juden vor, sie bildeten einen Staat im Staat. Er wurde daraufhin als »Eisenmenger der Zweite« tituliert, also als schlimms-ter Judenfeind. Schiller, der faktisch dasselbe gesagt hatte, blieb von derlei Vorwürfen verschont. Galt er doch vielen Juden als Repräsentant liberaler, emanzipatorischer Ideen, sein Werk als Inbegriff deutscher Dichtung. Die deutschen Juden haben Schiller verehrt, übersetzt, gelesen, von ihm erzählt. Noch in den Todeslagern, so kann man in etlichen Selbstzeugnissen Überlebender lesen, haben sie Texten von Schiller und Goethe gelauscht. Sie hatten geglaubt, über die Brücke der Kultur und unter den aufklärerischen Idealen von Vernunft, Bildung und Toleranz gleichberechtigt in die Gesellschaft der nichtjüdischen Deutschen aufgenommen zu werden – was sich als fataler Trugschluss erweisen sollte. Gershom Scholem, der in dem häufig beschworenen deutsch-jüdischen Dialog einen Mythos sah, schrieb 1964: »Schiller war der sichtbarste, eindrucksvollste und tönendste Anlass zu den idealistischen Selbsttäuschungen, zu denen die Beziehung der Juden zu den Deutschen geführt hat.« Wolf Scheller

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  11.09.2026 Aktualisiert

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026

Würdigung

Hamburg ehrt Esther Bejarano und Jina Mahsa Amini

In der Hansestadt gibt es künftig eine Esther-Bejarano-Straße und einen Jina-Mahsa-Amini-Park

 24.08.2026

Nahost

Israel soll Militärflugplatz in Nordsyrien attackiert haben

Israel hat seit dem Umsturz wiederholt auch Ziele in Syrien ins Visier genommen. Nun wird ein erneuter Angriff gemeldet. Der US-Sondergesandte für Syrien übt deutliche Kritik

 18.08.2026