koscheres Hotel

Das macht schlank

von Peter Bollag

In den sechziger Jahren stehen drei Männer vor einem Hotel in Lugano. Einer von ihnen zeigt auf das Gebäude und sagt: »Das ist das Juden-Hotel.« Worauf einer seiner Begleiter brummt: »Das ist ja gut so, da sind sie wenigstens unter sich.« Die Szene hat sich tatsächlich abgespielt. In einem gewissen Sinne passt die Charakterisierung auch auf das im Mai 2006 eröffne- te Hotel Scuol Palace im Schweizer Kanton Graubünden.
In der luxuriösen 230-Betten-Herberge sind die Gäste im wahrsten Sinne des Wortes unter sich. Das hat aber vor allem mit der geografischen Lage zu tun: Das früher einmal als Kurhaus Tarasp bekannte Scuol Palace liegt außerhalb der Gemeinde Scuol, ziemlich versteckt und direkt am Fluss Inn, der hier entspringt. Gegenüber liegt die Büvetta Sfondraz, die ehemalige Trinkhalle, die vor dem Ersten Weltkrieg von so illustren Gästen wie der sächsischen Königin Carola gerne frequentiert wurde.
Aber abgesehen von der geografischen Lage sind die zumeist jüdisch-orthodoxen und als solche auch äußerlich gut erkennbaren Gäste keineswegs isoliert. Wie die anderen Touristen spazieren sie durch den 2.100-Seelen-Ort Scuol, der seinen deutschen Namen Schuls nur noch inoffiziell führt. Oder sie wandern durch die Engadiner Bergwelt.
Das koschere Palace Hotel erfreute aber zunächst nicht alle im Ort: Nachdem der 54-jährige Avi Friedman, der vorher drei Jahre lang ein koscheres Hotel in Flims geführt hatte, das Traditionshaus erworben hatte – der langjährige Pächter, der deutsche Club Robinson, hatte den Vertrag 2005 nicht mehr verlängert –, wurden Bedenken und Vorbehalte laut, die auch schon aus anderen Schweizer Berg-Kurorten bekannt waren: Die jüdischen Gäste würden nicht grüßen, hieß es da beispielsweise. Oder sie würden prinzipiell zu viert oder zu fünft nebeneinander hergehen und damit anderen Menschen unsensibel den Weg versperren. Und: Sie würden in Restaurants und Geschäften kaum etwas konsumieren.
Avi Friedman, ein jovial wirkender Herr mit Bart und Brille, setzte angesichts dieser Befürchtungen zur Gegenoffensive an: In Scuol und Sent diskutierte er im letzten Winter mit Einheimischen, beantwortete Fragen über das Judentum, wich auch heiklen Fragen – »Wieso sind orthodoxe Juden so bleich?«, »Wieso geben sie anderen Menschen nicht die Hand?« – nicht aus und stellte dabei fest, dass das Interesse an seiner Religion riesig war: Die Säle seien voll gewesen, sagt er.
Einige der Vorurteile haben sich inzwischen gelegt. Das kann unter anderem auch damit zu tun haben, dass im Sommer des vergangenen Jahres die Übernachtungen in Scuol gleich um 35 Prozent zunahmen – ein Anstieg, der nicht zuletzt der Wiedereröffnung des Palace zugeschrieben wurde. Die Sommersaison 2007, prophezeit Avi Friedman, werde er, wie schon im Vorjahr, positiv abschließen: Seit Ende Juli sind die 120 Zimmer des ganzjährig geöffneten Hotels auf Wochen hinaus ausgebucht.
Aber nicht deshalb hält sich Avi Friedman mit offensiver Werbung zurück: Mund-zu-Mund-Propaganda wirke in diesem spezifischen Marktsegment, das sehr überschaubar sei, oft weit effizienter als ein großangelegtes und teures Marketingkonzept, sagt Friedman. Und wenn gar einer der großen Rabbiner, die nicht nur von ihren Jüngern verehrt werden, sich zur Erholung in den Bergen aufhält, im Hotel vorbeischaut und dabei den Status der Kaschrut lobt, ist das für Avi Friedman mehr wert als teure Hochglanz-Prospekte.
Allerdings ist die Kaschrut eine teure Angelegenheit für einen jüdischen Hotelier: Ein Maschgiach (Aufseher) wacht darüber, dass die Speisen vorschriftsgemäß zubereitet und serviert werden. Entsprechend benötigt das Hotel einen Hechscher (ein Koscher-Zertifikat), der von einem Rabbiner stammen muss, der möglichst von allen (also auch den orthodoxesten) Kreisen akzeptiert sein muss. Der Hechscher des Palace Scuol kommt vom Rabbinat der Zürcher Gemeinde Agudas Achim.
Auch im Gesundheits- und Wellness-Bereich versuchen Avi Friedman und seine Frau mit ihrem koscheren Hotel in Scuol Zeichen zu setzen – und zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Deshalb werden im Palace Akupunktur und Magnetfeldtherapien ebenso angeboten wie Schlankheitskost – selbstverständlich koscher. Avi Friedman sieht gute Perspektiven für sein koscheres Hotel im Unterengadin: »Uns gefällt es hier.«
www.scuolpalace.ch

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