Judenhaß

Causa Landesbischof

von Andreas Franke

Ein Kirchenmann mit antisemitischer Vergangenheit spaltet Politik und Gemeinde in Nürnberg. 50 Jahre nach seinem Tod ist eine heftige Debatte über den früheren evangelischen Landesbischof von Bayern, Hans Meiser, entbrannt. Die Landeskirche selbst hatte mit einer Ausstellung und einem geplanten »Gedenkgottesdienst« die Debatte um den umstrittenen Theologen ausgelöst. Und nun muß sich auch die Stadt Nürnberg entscheiden, ob sie Meiser noch länger mit einem Straßennamen ehrt.
Der Name Hans Meiser war längst in den Tiefen der Nachkriegsgeschichte verschwunden. Nur mehr Zeitgenossen und kirchlichen Vertretern war der Mann noch wirklich ein Begriff. Über seine antijüdischen Äußerungen vor und während seiner Amtszeit unter den Nationalsozialisten war längst der Mantel des Schweigens gehüllt worden. Doch zu seinem 125. Geburts- und 50. Todestag wollte die evangelische Landeskirche an Leben und Werk ihres früheren Bischofs erinnern. Und das ist ihr kräftig mißlungen.
Bereits Anfang des Jahres hatte es eine Ausstellung über Meiser in einer evangelischen Einrichtung in der früheren Stadt der Reichsparteitage und Rassengesetze gegeben. Darin waren Beobachtern – unkommentierte – antijüdische Textstellen aufgefallen, die der Theologe verfaßt hatte. Vor allem ein (bereits bekannter) Aufsatz aus dem Jahr 1926 – sieben Jahre vor der Machtergreifung Hitlers und sieben Jahre vor Meisers Bischofsweihe – sorgte für Entsetzen. Darin verurteilte der damalige Rektor des Nünberger Predigerseminars Ehen von Deutschen mit Slawen und Juden. Meiser ließ sich abschätzig über den »ewigen Juden« aus, auf dem bis ans Ende der Welt der Fluch laste.
Solche Sätze waren es unter anderem, die den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Arno Hamburger, auf den Plan riefen. Zumal die Landeskirche auf Initiative des Nürnberger Dekanats Anfang Juni einen »Gedenkgottesdienst« für Meiser veranstalten wollte. In einem Brief an den amtierenden Landesbischof Johannes Friedrich brandmarkte SPD-Stadtrat Hamburger die Idee als »schweren Fehler« und mahnte »Konsequenzen« an. »Mit Lügen und Verleumdungen über uns Juden« habe Meiser »wie Julius Streicher« schon in den 1920er Jahren den »geistigen Grundstein dafür gelegt, daß Millionen meiner Glaubensschwestern und -brüder ermordet wurden«. Mißfallen hat Hamburger auch, daß Friedrich in einem Vorwort für einen neuen Sammelband über Meiser neben der Widersprüchlickeit der Person auch dessen Wirken für die Landeskirche würdigt.
Nachdem der vertrauliche Brief Hamburgers an die Presse gelangt war, und nachdem der einflußreiche Professor Wolfgang Stegemann (er ist in der Landessynode Vorsitzender des Ausschusses für Grundfragen des kirchlichen Lebens) den Umgang seiner Kirche mit der Causa Meiser auch öffentlich verurteilt hatte, mußte die evangelische Kirche nun zurückrudern. Da half es auch nicht mehr, aus dem »Gedenk«- einen »Bußgottesdienst« zu machen. Das Dekanat verzichtete unter dem öffentlichen Druck auf die Veranstaltung.
Auch wenn es bis heute relativierende Hinweise auf die »Verdienste« Meisers gibt, der – so heißt es – ja auch Juden geholfen und die Landeskirche heil durch die Zeit der Nazis geschifft und beim Wiederaufbau mitgewirkt habe.
Nun steht die Landeskirche (Adresse in München: Meiser-Straße) vor einem Scherbenhaufen. Und die Stadt Nürnberg muß auf Antrag der Grünen im Stadtrat entscheiden, ob sie Meiser weiter mit einer Straße ehren will. Die CSU hat eine Umbenennung bereits abgelehnt. Und folgt damit einem Gutachten des früheren Uni-Rektors Gotthard Jasper, der im Auftrag von Stadt und Kirche ein Kurzgutachten verfaßt hat. Doch SPD, allen voran Arno Hamburger, wie auch die Grünen sind dafür, daß das Namensschild verschwindet. Eine Entscheidung soll aber erst im Herbst fallen. Die Rathaus-Politik hat sich bereits in die Sommerferien verabschiedet.

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