Julia Franck

Bitte keine jüdische Folklore

von Bettina Spoerri

Seit sie den Deutschen Buchpreis 2007 gewonnen hat, war es in allen Feuilletons zu lesen: Die Geschichte in Julia Francks Roman Die Mittagsfrau – eine Mutter lässt 1945 ihr Kind im Chaos der Flucht allein zurück –- beruht auf einer realen traumatischen Erfahrung des Vaters der Schriftstellerin. Doch als der Moderator der Interviewreihe Das blaue Sofa auf der Frankfurter Buchmesse diesen realen biografischen Hintergrund ausleuchten und wissen will, was denn Julia Francks Meinung nach der tatsächliche Beweggrund ihrer Großmutter gewesen sei, verweigert die Autorin die Antwort mit dem Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit des Romans: »Wenn ich solche Vermutungen äußern würde, täte ich dem Text nichts Gutes.« In einem anderen Gespräch hatte Julia Franck bereits klargemacht dass sie ihre Heldin »Helene nicht verurteilen oder rechtfertigen« wolle, »sondern von den Erfahrungen erzählen, die sie erlöschen lassen.«
Der Roman erzählt, wie es dazu kommt, dass eine Frau emotional immer mehr verkümmert, bis sie sich in einer Art Notwehr von ihrem Sohn trennt. Das hat auch mit ihrer Herkunft zu tun. Helenes Mutter ist Jüdin, die Tochter überlebt das Naziregime nur, weil sie mithilfe ihres »arischen« Ehemannes Wilhelm eine falsche Identität annehmen kann. Während sie stets fürchten muss, dass ihre Tarnung auffliegen könnte, erlebt Helene Wilhelms zunehmende Begeisterung für die nationalsozialistische Ideologie, den Boykott jüdischer Geschäfte und das Verschwinden der Juden in der Stadt gleichzeitig mit den Augen der Opfer und der Täter.
Julia Franck war es wichtig, sagt sie, diese beiden Perspektiven in einer mehrschichtigen Figur zu bündeln, um deutlich zu machen, was oft vergessen werde: »Die Deutschen haben ja nicht nur die jüdische, sondern auch einen Teil der deutschen Kultur ermordet.« Das Judentum Helenes und der Familie ihrer Mutter wird in dem Roman nicht besonders herausgestellt, sondern findet sich meist nur in Spuren, symbolisiert in einzelnen Gegenständen oder in der Erinnerung an einen religiösen Ritus, mit dem man nicht mehr vertraut ist.
Solche Zurückhaltung in Bezug auf jüdische Motive ist in der neueren deutschen Literatur eher ungewöhnlich. Dort wird oft das Jüdische eher betont, nicht selten auch um von einem Markttrend zu profitieren. Doch derartige »Folklore« interessiert Julia Franck grundsätzlich nicht, sagt sie. Sie habe das assimilierte bürgerliche Judentum in Breslau, in der Lausitz und in Berlin – wo der große Mittelteil ihres Romans spielt – in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts möglichst historischen Fakten entsprechend darstellen wollen. Auch wenn das Buch kein historischer Roman sei – dafür konzentriere sich ihr Text zu sehr auf persönliche Perspektiven und einzelne Erlebnisse ihrer Figuren – habe doch damals, vor der Schoa, die jüdische Herkunft in den bürgerlich-urbanen Kreisen das tägliche Leben tatsächlich wenig beeinflusst.
Die Reaktionen vieler Rezensenten allerdings zeigten, sagt die Autorin, dass in Deutschland ein Umgang mit jüdischen Motiven, wie sie ihn pflege, immer noch alles andere als selbstverständlich sei. »Dass eine Frau wie Helenes Mutter in einem Roman geistig verwirrt und jüdisch oder Helenes Schwester nicht nur jüdisch, sondern auch medikamentensüchtig und lesbisch ist, wird als Übertreibung angesehen«.
Ihre ersten Gesprächspartner nach Erscheinen des Buches hätten auch zuerst diskret, bald aber immer direkter nach ihrer eigenen Herkunft gefragt, wollten wissen ob das Jüdische in dem Roman, wie andere Elemente auch, auf realer Familiengeschichte beruht. Julia Franck weicht diesen Fragen nicht aus. Sie erwähnt ihre jüdische Großmutter mütterlicherseits. Nach jüdischem Gesetz sei sie selbst auch jüdisch, ja. Und es sei ihr bewusst, dass sie nicht existieren würde, wenn Hitler damals gesiegt hätte; das gehöre zu ihrer Identität. Doch anders als etwa ihr Kollege Maxim Biller empfinde sie es nicht als ihre Aufgabe, die »jüdische Autorin« zu sein und sich so in der Öffentlichkeit zu positionieren, auch wenn in der Logik dieses Diskurses eben diese Herkunft die lautere Absicht der Autorin beglaubigt.

julia franck: die mittagsfrau
S. Fischer, Frankfurt/Main 2007, 432 S., 19,90 €

Berlin

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