interreligiöse Ehen

Bis dass der Tod euch scheidet

von Elke Wittich

Elena und Felix haben ein Problem. Seit 40 Jahren sind sie verheiratet, doch nur Elena ist jüdisch, Felix nicht. Die Über‐70‐Jährigen machen sich Gedanken, wo sie einmal bestattet werden. Gemeinsam haben sie ihr Leben verbracht, doch auf dem Friedhof sollen sie getrennt liegen. Da auf den meisten jüdischen Friedhöfen keine Nichtjuden beerdigt werden dürfen, können sie nur auf einem städtischen Friedhof in einem gemeinsamen Grab bestattet werden. Dort wird aber der jüdische Ehegatte nicht nach jüdischem Ritus beerdigt.
Die Jüdische Gemeinde Hamburg löst dieses Problem pragmatisch: „Wir haben auf dem Friedhof eine Abteilung für Mischehen. Wenn ein Partner stirbt, kann der andere dort einen Platz reservieren“, erklärt Miriam Solomon, die für das Friedhofswesen in der Gemeinde zuständig ist. Hamburg profitiert von der günstigen Lage seiner Friedhöfe: Im Stadtteil Ohlsdorf grenzt der jüdische Friedhof an eine christliche Grabstätte. Und so können Ehepaare dort nah beieinander ihre letzte Ruhe finden. Ohne Verzicht auf die christliche Zeremonie oder den jüdischen Ritus. Alle vorgeschriebenen Einrichtungen wie Waschraum und Trauerhalle sind vorhanden.
Diese Möglichkeit erleichtert auch den Angehörigen die Entscheidung, wie der Verstorbene beerdigt werden soll. Oft wird über diese Frage zu Lebzeiten nicht gesprochen, weiß Solomon, und die Hinterbliebenen müssen dann nicht nur mit der Trauer fertig werden, sondern auch noch eine Entscheidung über die Bestattung treffen.
Solche Bedingungen wie in Hamburg seien natürlich ideal, sagt Rabbiner Shlomo Freyshist von der Jüdischen Gemeinde Kassel. „Aber bei uns ist das leider wegen der örtlichen Gegebenheiten nicht möglich. Und noch ein Grundstück zu kaufen, können wir uns einfach nicht leisten.“
Von den 1.200 Mitgliedern der Kasseler Gemeinde sind rund 90 Prozent Zuwanderer aus den ehemaligen Sowjetstaaten. Viele sind mit Nichtjuden verheiratet und stehen am Ende des gemeinsamen Lebens vor dieser Entscheidung. „Leider haben wir schon die Erfahrung gemacht, dass es für einige wichtiger ist, auch nach dem Tod zusammenzubleiben als gemäß den jüdischen Vorschriften bestattet zu werden“, zeigt sich Freyshist bekümmert. In einem solchen Fall könne man als Rabbiner nichts weiter tun: „Wenn Juden vor dem Sterben ausdrücklich den Wunsch äußern, auf einem städtischen Friedhof beerdigt zu werden – oder die Kinder es so wollen –, dann können wir es nicht ändern.“ Man könne nur versuchen, einem Sterbenden gut zuzureden, sich für eine jüdische Beerdigung zu entscheiden. Und wenn das nicht helfe, wenigstens erklären, warum es keine Einäscherung geben darf: „Im Judentum muss der Körper des Verstorbenen unversehrt bestattet werden.“
Menschlich könne er verstehen, dass Ehepaare, die jahrezehntelang miteinander durch dick und dünn gegangen sind, auch im Tod räumlich zusammenbleiben möchten, sagt Freyshist. „Es tut mir sehr leid, dass die Menschen sich entschieden haben, Nichtjuden zu heiraten, auch wenn sie damals nicht wussten, was das für Auswirkungen hat.“
Dass ein nichtjüdischer Ehepartner zum Judentum übertritt, um mit seinem Partner gemeinsam bestattet zu werden, sei noch nicht vorgekommen, sagt Freyshist. „Wir haben einige Kandidaten, die sich auf den Gijur vorbereiten und einige, die übergetreten sind, aber nicht wegen der späteren Beerdigung.“
Für die russischsprachigen Zuwanderer, die meist erst in Deutschland lernen, was es bedeutet, jüdisch zu sein, sind die Bestattungsvorschriften des Judentums sehr ungewohnt. Rabbiner Freyshist, selbst in Moskau geboren, erklärt, dass in der ehemaligen Sowjetunion bei Beerdigungen meist „nicht einmal christliche Bräuche“ herrschten, sondern säkulare Feiern stattfanden, bei de‐ nen die Hinterbliebenen am offenen Sarg vom Verstorbenen Abschied nahmen. Die Leiche war für diese Zeremonie besonders schön hergerichtet und gut gekleidet.
Und so sind Verwandte auch manchmal irritiert und unzufrieden, wenn sie bei einer jüdischen Beerdigung feststellen, dass der Sarg in der Friedhofshalle nicht nur, wie nach jüdischem Ritus vorgeschrieben, sehr einfach und schmucklos ist, sondern eben auch geschlossen. Und der darin liegende Tote nicht etwa in seiner Lieblingskleidung bestattet wird, sondern im schlichten weißen Leinenhemd.
Meist aber verlaufen die Beerdigungen auf dem Jüdischen Friedhof zu Kassel ohne Enttäuschungen, und daran hat, so Shlomo Freyshist, die dortige Chewra Kaddischa einen großen Anteil. In der Beerdigungsbruderschaft seien viele Zuwanderer aktiv. „Und alle sind, auch dank der Seminare der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, sehr gut ausgebildet.“
In Gelsenkirchen ist eine Lösung gefunden worden. Die letzte Gemeindeversammlung habe beschlossen, ein separates Begräbnisfeld auf dem jüdischen Friedhof einzurichten, auf dem jüdische und ihre nichtjüdischen Ehepartner zusammen be‐ erdigt werden können, sagt die Gelsenkirchner Gemeindevorsitzende Judith Neu‐ wald‐Tasbach. „Die Menschen haben ihr ganzes Leben zusammen verbracht, sind gemeinsam in ein anderes Land gezogen, haben den jüdischen Partner unterstützt und sollten nun auch gemeinsam mit ihm die letzte Ruhe finden.“ Allerdings werde bei der Beerdigung keine christliche Zeremonie durchgeführt, sondern nur eine Ansprache der Familie oder eines Freun‐ des/Bekannten gehalten. Auch Gemeinderabbiner Chaim Kornblum habe dieser Variante zugestimmt. Man müsse trotz Einhaltung aller Traditionen die Gegebenheiten berücksichtigen.
Jonah Sievers, Landesrabbiner in Niedersachsen, meint, dass „die Anzahl der Mischehen unter den Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion nicht viel höher ist als unter den alteingesessenen deutschen Juden.“ Das Problem gab es immer und wird es weiter geben.

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