Arie Goral

Bilder und Worte

von Constanze Baumgart

Breite Pinselstriche, stilisierte Figuren, leuchtende Farben – seine kleinformatigen »Israelischen Ikonen« malte Arie Goral in Erinnerung an seine Jahre in Palästina. Die Zeit im fremden Land als typischer Jecke war nicht einfach gewesen. Dennoch drückt sich in den Bildern Verbundenheit und eine gewisse Sehnsucht aus.
Am 2. April 1933, einen Tag nach dem ersten offiziellen »Juden-Boykott« der neuen Naziregierung, war Walter Sternheim, wie er damals noch hieß, aus seiner Heimatstadt Hamburg emigriert, zuerst nach Frankreich, dann nach Palästina. 1953, mit 44 Jahren, kehrte er als Arie Goral nach Hamburg zurück. Seine Kunst reflektierte die blutigen Jahre dazwischen. Das Tryptichon »Warschauer Ghetto-Aufstand« zum Beispiel, eine Collage aus Fotos, Schrift und eigenen Gemälden, die mit an Stacheldraht gemahnenden Nägeln bewehrt sind. Die Kombination der disparaten Elemente und die düsteren Farben fassen das Geschehen in eine plakative und bedrückende Form. Bilder wie dieses gehören zu Gorals politischer Kunst. Daneben hat er na- hezu gegenstandslose Materialbilder von hohem ästhetischen Reiz geschaffen und abstrahierende Landschaftsbilder, die in ihrem kubischen Aufbau ein wenig an Cezanne erinnern.
Mit dem Malen begonnen hatte Goral als fast Vierzigjähriger in Israel zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges 1948. Davor hatte er – neben zahllosen anderen Jobs – Kindern in von ihm gegründeten Malstudios die Lust am Malen vermittelt. Die Erfahrungen des Krieges schockierten ihn zutiefst und gaben vielleicht den Ausschlag dafür, dass aus dem begabten Kunstpädagogen selbst ein Künstler wurde. Drei Jahrzehnte später – Goral lebte bereits wieder seit 25 Jahren in Hamburg – legte er den Pinsel zur Seite: »1978 hörte ich auf zu malen. Meine letzten Arbeiten hatten Auschwitz zum Thema. Manche wurden aber nie fertig ... Im Wort fand ich mehr und mehr das Aussagbare.«
Goral konzentrierte sich fortan auf seine Lyrik, Prosa und Publizistik. Er wurde bekannt als streitbarer, wortgewaltiger Autor, auch in der damaligen »Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung«. Sein großes Lebensthema war der Kampf gegen das Verdrängen der NS-Vergangenheit, gegen das Wiedererstarken faschistischer Tendenzen. Eine Lawine brachte er ins Rollen, als er Anzeige gegen Peter R. Hofstätter erstattete. Der Hamburger Psychologieprofessor hatte in einem Artikel die Massenmorde an Juden ausdrücklich als Kriegshandlungen und daher als nicht strafbar bezeichnet. Ebenso unermüdlich erinnerte Goral an das untergegangene jüdische Leben in Deutschland, an Vergessene und Verfemte. Das Heinrich-Heine-Denkmal in Hamburg geht ebenso auf Gorals Engagement zurück wie der Namenszusatz der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek »Carl von Ossietzky«. Zeitlebens überzeugter Pazifist, engagierte er sich auch in der Friedensbewegung. In seinem 1957 gegründeten »Jungen Studio« arbeitete er mit Jugendlichen. Hier entstand politische Plakatkunst, die in den Demonstrationen gegen die atomare Aufrüstung unmittelbar zum Einsatz kam. Auch als Galerist widmete Goral seine Aufmerksamkeit der engagierten Kunst: In seinen Galerien »Uhu« und »Intergalerie« stellte er Plakatkunst und dezidiert politische Künstler aus.
Arie Goral rang zeitlebens mit seiner doppelten und doppelt schwierigen Identität als Jude und als Deutscher. 1994, zwei Jahre vor seinem Tod schrieb er: »Immer wieder stellt sich die Frage: Kein Weg als Jude und Deutscher? Immerhin: Ich ging diesen Weg.« Das Jüdische Museum Frankfurt am Main hat diese Lebensfrage zum Titel seiner Ausstellung über Arie Goral in seiner Dependance Museum Judengasse gemacht. Rund 100 Arbeiten Gorals sind dort zu sehen. Dazwischen schlagen klug gehängte Texte die Brücke zu seiner Lyrik und Prosa. Ein Künstler ist zu entdecken.

»Kein Weg als Jude und Deutscher? Arie Goral. Der Maler, Publizist und Dichter«. Jüdisches Museum Frankfurt / Börnegalerie im Museum Judengasse, 15. Februar - 20. Mai 2007 www.juedischesmuseum.de

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Straße von Hormus

Iran meldet Explosionen an Tankern

Wieder berichtet der Iran von Explosionen an Schiffen in der Straße von Hormus. Nach einem kürzlichen Hoch der Ölexporte durch die Meerenge gehen diese laut einen Datenanbieter wieder zurück

 03.11.2026

Israel

Dafür stehen die arabischen Parteien in Israel

Die arabisch geprägten Parteien in Israel haben bei der Parlamentswahl überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Wofür setzen sie sich ein, was sind ihre Ziele?

 28.10.2026

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Berliner Linke berät zum wiederholten Mal über umstrittene Abgeordnete

Vanessa Emde steht wegen Äußerungen zu Israel und zum Nahost-Konflikt massiv in der Kritik

 27.10.2026

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026