Annie Leibovitz

Bilder einer Einstellung

von Martin Krauss

Der Andrang ist groß. Die Frau, deren Bilder gerade in Berlin ausgestellt werden, gilt manchem als die bedeutendste Fotografin der Gegenwart. „Annie Leibovitz. A Photographer’s Life 1990–2005“ heißt das Ereignis, etwa 200 Bilder der 59‐jährigen amerikanischen Fotografin sind noch bis Ende Mai in der Berliner Galerie c/o zu be‐
sichtigen.
Zu sehen ist zweierlei. Zum einen Auftragsarbeiten, etwa die großen Porträts von Nicole Kidman im Abendkleid und Brad Pitt auf der Couch, vom uniformierten General Norman Schwarzkopf und von der nackten, schwangeren Demi Moore; oder die Bilder, die Leibovitz von ihren Reportagereisen mitgebracht hat: zum Beispiel aus Sarajewo das Bild eines auf der Straße liegenden Fahrrades, daneben ein Blutfleck und dazu die in Worten nachgereichte Information, dass Leibovitz gesehen hat, wie ein 14‐jähriger Junge, der gerade auf diesem Fahrrad fuhr, von einer Granate erwischt wurde. „Er starb in unserem Auto auf der Fahrt ins Krankenhaus.“
Die Werkschau präsentiert aber auch private Bilder von Leibovitz’ Familie, ihrem Bruder, ihrem Vater, ihren Kindern und vor allem von ihrer Lebensgefährtin, der Autorin Susan Sontag, deren Leiden und Sterben Leibovitz festhält. Den von ihr für die Ausstellung gewählten Zeitraum von 1990 bis 2005 begründet die Fotografin so: „Der zweite Teil meiner beruflichen Arbeit hat 1990 begonnen.“ Da habe sie Susan Sontag kennengelernt, da habe sie ihre Kinder be‐
kommen, und sowohl ihre Lebensgefähr‐tin als auch ihr Vater seien da gestorben.
Auf einer Tafel in der Ausstellung wird Leibovitz mit dem Satz zitiert: „Es ist ein Privileg, intime Fotos von Familienmitgliedern oder nahestehenden Menschen machen zu dürfen, und es bringt eine gewisse Verantwortung mit sich.“ Das klingt, als ob die Fotografin Skrupel gehabt hätte, diese intimen Bilder der Öffentlichkeit zu übergeben. Als sie in Berlin über dieses Thema spricht, gibt Leibovitz ihm jedoch einen anderen Akzent. „Ich hätte mir diese persönlichen Bilder gar nicht wieder angeschaut, wenn Susan nicht gestorben wäre.“ Zunächst hatte es nur ein persönliches Erinnerungsbuch werden sollen, erzählt sie: Fotos von Susan Sontag, aufgenommen nur zum Teil von Leibovitz, das Gros der Bilder hätten andere Fotografen beigesteuert. Das Büchlein sollte den Gästen der Trauerfeier überreicht werden. „Aber als ich meine Bilder sichtete, merkte ich, dass sie ja eine richtige Story erzählen“, sagt Leibovitz. Und dann habe sie dieses Buch und diese Ausstellung konzipiert.
Was Susan Sontag darüber gedacht hätte, dass sie nackt in der Badewanne, erschöpft im Krankenhaus oder verschlafen beim Frühstück und zuletzt mit gefalteten Händen auf der Totenbahre präsentiert wird, weiß auch Annie Leibovitz nicht. „Ich glaube, Susan wäre auf eine bestimmte Art stolz darauf“, vermutet sie – und schiebt eine unverständliche Begründung nach: „Sie hat es immer gemocht, auf der richtigen Seite zu stehen.“
Annie Leibovitz stammt aus einer Soldatenfamilie. Ihr Vater war Offizier der US Air Force, die Familie zog von Stützpunkt zu Stützpunkt. Als junge Frau ging Leibovitz für eine Weile nach Israel in einen Kibbuz, lernte dort Hebräisch. Als sie 1970 wieder zurück in die USA kam, begann sie neben ihrem Studium mit der Fotografie. Zunächst für Rolling Stone, dessen Cheffotografin sie 1973 wurde, später für Vanity Fair und Vogue. Inzwischen ist Annie Leibovitz eine Starfotografin. Gerade hat sie für die Vogue ein Cover mit Michelle Obama fotografiert. Die Library of Congress hat sie zur Living Legend ernannt. Gerüchteumwoben ist ihr Shooting mit Queen Elisabeth, von der sie verlangt haben soll, ihre Krone abzusetzen. Und grandios ist ihr – auch in der Berliner Ausstellung zu sehendes – Gruppenbild des „inner circle“ der Bush‐Administration, das George W. Bush, Condoleezza Rice, Donald Rumsfeld und Co als mafiöse Clique erscheinen lässt. Dabei ist es ein offizielles Foto des Weißen Hauses. „Ich bin keine Journalistin“, sagt Leibovitz. „Ein Journalist ist nicht parteiisch, und ich will so nicht durchs Leben gehen. Als Fotografin ist meine Stimme stärker, wenn ich einen Standpunkt zum Ausdruck bringe.“
Was Leibovitz in all ihren Fotos zeigt, sowohl in den aufwendig produzierten Studioaufnahmen als auch in den privaten Bildern, die eher wie Schnappschüsse entstanden, ist eine große emotionale Nähe, eine behutsame Berücksichtigung von Details, die mehr über den Fotografierten sagen, als dieser vielleicht preisgeben wollte. Das ist die große Kunst der Annie Leibovitz, und gleichzeitig ist es der Punkt an ihrer Arbeit, der oft Kritik provoziert. Leibovitz zeigt, was Fotografie leisten kann, wo und warum sie textlichen und anderen Darstellungen der Realität überlegen ist. Mit ihrer Fotokunst, gerade der Veröffentlichung der Bilder der sterbenden Susan Sonntag, erzwingt sie aber gleichzeitig die Diskussion darüber, ob Fotografie, das was sie leisten kann, auch wirklich leisten darf. Susan Sonntag, die nicht nur die Lebensgefährtin von Annie Leibovitz war, sondern auch als Kulturkritikerin sich mit Fototheorie befasst hatte, warnte einmal davor, Fotos als halbwegs adäquate Abbildungen von Realität zu begreifen; Fotografie sei „subjektive Gewohnheit“. Annie Leibovitz hingegen sagt in einem Interview mit dem Tagesspiegel, sie sei sicher, dass „man die Seele sichtbar machen kann, wenn jemand bereit ist, dir ein oder zwei Jahre seines Lebens zu schenken.“ In der Berliner Ausstellung wird diese Auseinandersetzung fotografisch geführt.

„Annie Leibovitz: A Photographer’s Life 1990–2005“. Bis 24. Mai im c/o, Oranienburger Straße/Tucholskystraße, 10117 Berlin
www.co-berlin.info

annie leibovitz: at work
Schirmer/Mosel, München 2009, 240 S., 46 €

annie leibovitz: a photographer’s life 1990–2005
Schirmer/Mosel München 2006, 480 S., 119 €

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