Lemberger

Bilder aus der Heimat

von Christine Schmitt

Zweimal Boris. Einmal als lebensgroße Figur aus Pappe und einmal in Fleisch und Blut. Boris Ksenski ist eines von sechs Berlinern Gemeindemitgliedern, die in den 90er-Jahren aus der Ukraine emigrierten und nun bei der Ausstellung »Wo ist Lemberg?« porträtiert werden. »Als ich in der Zeitung von der geplanten Schau las, musste ich mich einfach melden«, sagt der 54-Jährige.
Bei der Eröffnung vor einigen Wochen sei es zu voll gewesen, um in Ruhe alles auf sich wirken zu lassen, meinen Boris Ksenski und seine Frau Ludmilla. Nun gehen sie ganz in Ruhe durch die drei Räume im Centrum Judaicum, um Installationen, Fotos und Filme über ihre Heimat genau zu studieren.
Lemberg galt als ein wichtiges Zentrum des europäischen Judentums. Obwohl die Machthaber – Polen, Russland und Österreich – häufig wechselten, konnte sich hier eine jüdische Kultur jenseits von Ausgrenzung und Ghettoisierung entfalten, erläutert Boris Ksenski. »Bis der Zweite Weltkrieg und die Nazis die Geschichte dieser lebensfrohen, freundlichen Menschen beendeten.« Bis dahin hatten 120.000 Juden in der westukrainischen Stadt gelebt.
Mehr als zwei Jahre lang haben die Kuratoren Irene Stratenwerth und Ronald Hinrichs im Auftrag des Centrum Judaicum eine Zusammenarbeit mit Künstlern, Publizisten, Sammlern und Wissenschaftlern in Lemberg aufgebaut. Entstanden sind »12 Bausteine einer Stadt« in denen unter anderem die Geschichte von heute zerstörten Synagogen und dem Judentum Ostmitteleuropas gezeigt werden.
Boris Ksenski hat sich seinen Mantel ausgezogen und ist gespannt auf die Ausstellung. »Mittlerweile ist Deutschland un-
sere Heimat«, meint der 54-Jährige. Seine Frau, seine Tochter und er seien hier glück-
lich, so der Programmierer. Er hat Deutsch gelernt, sich um eine Weiterbildung in seinem Beruf gekümmert und einen Job be-
kommen. Seine Frau hatte die deutsche Sprache bereits in der Schule gelernt. »Uns geht es jetzt viel besser als früher.«
»Schau mal Boris, der Hauptbahnhof«, ruft Ludmilla Ksenski. Ein großes Lichtbild an der Wand zeigt ein marodes Gebäude. »Weißt du noch, unsere erste schöne Reise haben wir hier gestartet«, sagt sie leicht wehmütig. Sie waren noch Mathematik-Studenten und sprangen auf den letzten Drücker in den Zug nach Minsk, um dort Freunde zu besuchen. »Es kam uns wie eine Weltreise vor, weil wir die ganze Nacht im Zug saßen«, so Boris Ksenski weiter. Und es sei eine schöne Reise gewesen, erinnert sich seine Frau. Mit 17 Jahren waren sie sich als Studenten über den Weg gelaufen und mochten sich auf Anhieb. »Wir sind zusammengewachsen«, sagen sie beide, während sie das Bahnhof-Dia anschauen.
Ein paar Schritte weiter. »Ich kenne fast jede Ecke«, sagt Ksenski beim Betrachten von Bildern der Fotografin Suzanna Lauterbach. Ihr ganzes Leben haben Boris und Ludmilla in Lemberg verbracht, bis sie mit 38 Jahren ausreisten. Kindergarten, Schulen, Hochschulen, Fabriken – jeder Winkel kommt ihnen vertraut vor. »Dort ist der Laden, in dem wir auch Sachen für unsere Tochter gekauft haben«, so Ludmilla Ksenski. Einfach sei das nicht gewesen. Man musste die Verkäufer beknien, ihnen einen erhöhten Preis bezahlen oder über Beziehungen versuchen, sich materielle Wünsche zu erfüllen. »Es war unehrlich und furchtbar.« Auch der Antisemitismus setzte ihnen immer mehr zu. Boris Ksenski dachte an Ausreise. Als Tourist mit der Geburts- urkunde in der Pelzmütze ist er nach Deutschland gekommen. »Da wusste ich, dass ich hier leben wollte«, sagt er.
»Man erfährt in der Ausstellung über die Heimatstadt mehr, als ich vorher wusste«, kommentiert Ludmilla Ksenksi, während sie eine Karte aus einer Stellwand zieht, auf der eine Synagoge abgebildet ist.
46 Synagogen hatte es vor dem Zweiten Weltkrieg in Lemberg gegeben. Als Boris drei Jahre alt war, 1956, wurde die letzte noch existierende zur Sporthalle umgebaut. »Bei uns zu Hause geriet das Judentum in den Hintergrund. Es gab keine Synagoge mehr, und auch in unserer Familie gab es keinen mehr, der es zelebrierte.« Sein Vater hatte als Einziger aus seiner Familie das Warschauer Ghetto überlebt und ist nach dem Krieg nach Lemberg gegangen. Mit 42 Jahren starb er. Er ist auf dem nach der Zerstörung neu errichteten jüdischen Friedhof beerdigt – und Boris Ksenski besucht sein Grab jedes Mal, wenn er in Lemberg ist. Seine mittlerweile verstorbene Mutter und seine Schwester sind nach Israel gegangen.
»Wir lieben unsere Stadt und sie wird immer auch Heimat bleiben.« Ludmilla Ksenski steht gebannt vor einer Europa-karte und lässt ihren Zeigefinger die Straßen entlangfahren. Einmal Lemberg hin und zurück. »Wollen wir wieder einmal dorthin fahren?«, fragt sie ihren Boris. Der antwortet mit einem kurzen zustimmenden Nicken.

»Wo ist Lemberg?«, Ausstellung im Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, noch bis zum 2. Dezember 2007, geöffnet Sonntag und Montag 10 bis 20 Uhr (ab November bis 18 Uhr), Dienstag bis Donnerstag 10 bis18 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr, Eintritt: 3 Euro.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026