»Cemetery Club«

Besuch der alten Damen

Von Jessica Jacoby

Cemetery Club – Friedhofsclub? Nein, Lena Bar, die 80-jährige ehemalige Juristin ist überhaupt nicht einverstanden, dass die »Mount Herzl Academy« von ihrer Großnichte Tali so genannt wird. Schon gar nicht gefällt ihr diese Bezeichnung als Titel eines Films. 5 Jahre lang war die Regisseurin Tali Shemesh mit ihrem Kameramann jeden Schabbat dabei, wenn sich 20 polnischstämmige Schoa-Überlebende auf dem gräberlosen Teil des Jerusalemer Nationalfriedhofes trafen, wo auch Theodor Herzl beerdigt ist. Den Treffpunkt haben die älteren Herrschaften nicht aus Todessehnsucht gewählt, sondern weil dies für sie der schönste Platz der Stadt ist, wo es sich im Schatten alter Kiefern trefflich picknicken und über Gott, die Welt, Literatur, Philosophie und Politik debattieren lässt. Laut Vereinssatzung muss jedes Mitglied seinen eigenen Klappstuhl und etwas Essbares zu den Treffen mitbringen, die jedesmal rund vier Stunden dauern. Das dient dem Austausch, der gegenseitigen Unterstützung und der Bekämpfung von Einsamkeit.
Die Stars von Tali Shemeshs preisgekröntem Dokumentarfilm Cemetery Club, der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft, sind zwei Frauen: Lena, ihre Großtante, und Minya, ihre Großmutter. Die verwitweten Schwägerinnen verbindet ein enges, aber auch spannungsreiches Verhältnis, wie es bei zwei so unterschiedlichen Frauen nicht anders sein kann. Lena ist dominant, selbstkritisch und streitbar, Minya introvertiert, beharrlich und mit sich im Reinen. Einig waren sich beide nur darin, dass sie ihre Streitigkeiten nicht im Film haben wollten. Aber wie beim Titel hat sich Tali Shemesh durchgesetzt und konnte die zwei davon überzeugen, wie wichtig gerade solche ungeliebten Szenen für einen ehrlichen Film sind.
Wie bei jeder Langzeitdokumentation waren die Protagonisten des Films anfangs befangen vor der Kamera. Erst mit der Zeit wurden die filmischen Begleiter so selbstverständlich Teil ihrer wöchentlichen Treffen, dass sie kaum mehr bewusst zur Kenntnis genommen wurden. Dadurch hat Cemetery Club das, was jede Dokumentation anstrebt, aber nur wenigen wirklich gelingt: Authentizität. Natürlich half der Regisseurin, dass sie mit zwei Mitgliedern des »Clubs« verwandt ist. Man spürt die Zuneigung und das Vertrauen, die es ihr erlaubten, ihren Protagonisten so nahe zu kommen. Gleichzeitig aber wahrt Shemesh auch das nötige Maß an Distanz, das die Würde der Dargestellten erhält. Ob es Minya ist, die bei einer Reise nach Polen das Elternhaus wiedersieht und sich einen Moment mit der Kamera im Rücken gegen die Hauswand lehnen muss, weil der Anblick sie so erschüttert, oder Lena, die vom Hunger im Ghetto Lodz erzählt und plötzlich, von Magenkrämpfen geschüttelt, in die Küche eilt, um eine ganze Packung Cracker förmlich zu verschlingen – immer wieder scheinen solche ungeschützten Momente der Wahrhaftigkeit auf, ohne dass der Film je in Voyeurismus abgleitet. Auch nicht als Lena von ihrem Sohn Joram erzählt, der vor zwölf Jahren nach Amsterdam verschwand und seither keinen Kontakt mehr mit seiner Mutter hat. Sie will darüber nicht sprechen und tut es dann doch.
Cemetery Club ist eine Hommage an tapfere Menschen und ihre (Über-)Lebensbewältigung, aber kein Betroffenheitsfilm. Immer wieder kommt es zu komischen Situationen, bei denen das Publikum mit den alten Überlebenden lacht – nur nicht im deutsch befangenen Leipzig, wo Cemetery Club dennoch beim DOK-Festival 2006 die Goldene Taube für den besten Dokumentarfilm gewann. Auch bei Festivals in Rehovot und Shanghai wurde der Film ausgezeichnet, für den Europäischen Filmpreis 2006 wurde er nominiert.
Inzwischen tagt die »Mount Herzl Academy« in einem Jerusalemer Altersheim, die Statuten wurden dementsprechend geändert: Stühle müssen nicht mehr mitgebracht werden, das Essen liefert die Heimküche, für Nichtheimbewohner gegen Bezahlung. Fünf Mitglieder sind mittlerweile gestorben, dafür sind neue dazugekommen. Lena und Minya sind dank der Aufmerksamkeit, die »ihrem« Film zuteil wird, regelrecht aufgeblüht und immer mit von der Partie, wenn Tali Shemesh ihn weltweit vorstellt. Es ist nie zu spät, ein Star zu werden.

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