Schabbat

Besondere Zeit

von Rabbiner Berel Wein

Hier in Jerusalem ist der Freitagnachmittag eine besondere Zeit. Der Verkehr fließt spärlich, und die Leute sputen sich, um sich kurz vor Ladenschluss noch für den Schabbat einzudecken. Trotzdem herrscht eine Atmosphäre entspannter Erwartung. Erew Schabbat spielt eine wichtige Rolle für die Stimmung am Schabbat selbst.
Ich erinnere mich an die Zeit, als ich in den Vereinigten Staaten lebte. Die Menschen, die den Schabbat befolgten, strömten am Freitagabend in die Synagoge zum Gottesdienst, angespannt und mit zerrütteten Nerven wegen des Verkehrs, durch den sie sich auf der Fahrt von der Arbeit nach Hause gequält hatten. Oft kam ich nur mit knapper Not rechtzeitig nach Hause, bevor der Schabbat begann. Es dauerte Stunden, bevor Körper, Geist und Seele sich richtig auf den Schabbat einstellen konnten.
Der verstorbene große Rabbiner Yakov Kaminetzky sagte einmal zu mir, in seiner unnachahmlichen Weise, in der er mit wenigen Worten den Nagel auf den Kopf traf: »Den Schabbat haben wir in Amerika erfolgreich gerettet, nicht aber den Erew Schabbat.«
Für mich gehört der Erew Schabbat zu den größten Vorteilen, die das Leben in Jerusalem mit sich bringt. Vom frühen Freitagmorgen an bin ich mit dem Schabbat beschäftigt, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er schließlich beginnt. Und wenn der Schabbat dann seinen heiligen Eintritt in mein Leben hält, bin ich ruhig, beinahe heiter, während ich ihn begrüße und in mein Dasein aufnehme.
Ich genieße die Stille, die selbst in einer Nachbarschaft wie der meinen, durch die Hauptverkehrsstraßen führen, die auch am Schabbat viel befahren sind, und wo es gute Nachbarn gibt, die den Schabbat nicht unbedingt streng befolgen, seinem Eintreten vorangeht. Schabbat hier ist etwas Besonderes. Aber auch der Erew Schabbat.
Der Talmud hat für uns aufgezeichnet, wie viele große Rabbiner und Gelehrte sich persönlich an der Vorbereitung ihrer Häuser, ihres Tischs und der Mahlzeiten für den Schabbat beteiligten. Vom Tischdecken, über das Räuchern der Fische bis hin zum Fegen der Fußböden – all dies galt als ehrenvoll und waren wichtige Aktivitäten, um unser Zuhause und uns selbst für die Ankunft des Schabbats zu bereiten.
Obwohl weder groß noch übermäßig gelehrt, bin ich in unserer Familie zuständig für das Tischdecken und die Überwachung des Schabbatessens im Backofen –Letzteres kann allerdings nur heimlich geschehen, weil die Küche in die Zuständigkeit meiner Frau fällt und eine klare Arbeitsteilung ein weiser Grundsatz für eine erfolgreiche Ehe ist. Trotzdem bin ich dadurch in der Lage, unseren Gästen am Schabbattisch mitzuteilen, dass das Essen unter strikter rabbinischer Kontrolle vorbereitet wurde.
In der jüdischen Tradition muss der Ehemann die Kerzen vorbereiten, die seine Frau später anzündet, um den Schabbat in ihrem Zuhause willkommen zu heißen. Für mich ist es eine Liebestat gegenüber meiner Frau und gegenüber dem Schabbat. Der Brauch schreibt vor, dass der Ehemann die Kerzen auch tatsächlich anzündet, um sicherzustellen, dass die Dochte richtig brennen, und sie dann wieder löscht, bis sie für den Schabbat angezündet werden.
Eine gute Beziehung beruht auf den kleinen Dingen im Leben und zu Hause. Das Judentum nennt diese Dinge nicht klein – schon gar nicht die Notwendigkeit, das Haus und sich selbst auf den Schabbat vorzubereiten.
Im Talmud ist das Verhältnis zwischen Erew Schabbat und Schabbat eine Metapher für das Leben selbst: »Einer, der am Erew Schabbat hart arbeitet, wird am Schabbat gut essen.« Das trifft natürlich nicht nur im Wortsinne zu, sondern spiegelt die jüdische Einstellung zum Leben im Allgemeinen. Der Genuss des Erfolgs (Schabbat) hängt bei allem, was wir tun –beim Lernen, im geschäftlichen oder persönlichen Leben –, von der vorher geleisteten Arbeit (Erew Schabbat) ab.
Die Rabbiner in den Pirkei Awot erklärten: »Von den Mühen und Schmerzen hängen Erfolg und Belohnung ab.« Das Judentum verspricht niemandem, dass es etwas umsonst gibt. Es ist Erew Schabbat, der den Schabbat in seiner ganzer Größe, Einfachheit und Heiterkeit hervorbringt. Die Tatsache, dass der Freitagnachmittag be-
reits die Zeit ist, wo die Geschäfte schließen und die Wohnungen vorbereitet werden, trägt viel zur Erew-Schabbat-Atmosphäre bei.
Auch wenn viele Juden auf unterschiedliche Weise versucht haben, ein jüdisches Leben zu führen, ohne den Schabbat einzuhalten, gilt inzwischen ohne Wenn und Aber, dass der Schabbat der Grundpfeiler ist für jüdisches Leben und jüdisches Fortbestehen. Der berühmte Spruch: »Mehr als die Juden den Schabbat bewahrten, hat der Schabbat die Juden bewahrt«, war nie wahrer und zutreffender als in unserer Zeit.
Während all die Ideologien, die den Anspruch vertraten, uns aus unserer Drangsal zu erlösen, vor aller Augen elend gescheitert sind, bleibt der Schabbat eine Quelle des Lichts und Hoffnung für Israel und ein Symbol unseres ewigen Bündnisses mit unserem Schöpfer. Und das ist es, was Erew Schabbat zu einem unerlässlichen Teil unserer Gesellschaft macht.

www.rabbiwein.com

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