Oliver Polak

Beschnitten oder am Stück?

von Jonathan Scheiner

»Open Stage« heißt der Publikumsrenner im Berliner Scheinbar-Varieté. Jeder darf hier auf die Bühne, ob er etwas kann oder nicht: Nachwuchstalente und Dilettanten, Knüller und Pappnasen. Kabarett, Chanson, Artistik und Standup-Comedy, Magier, Pantomimen und manchmal sogar Einradfahrer wechseln sich ab. Reine Glückssache, wen und was die Zuschauer zu sehen bekommen.
Gelegentlich kommt auch ein Mann um die 30 auf die Bühne, schwarze Wuschelfrisur, unrasiert, in ausgebeulter Jogginghose. »Guten Abend, mein Name ist Oliver Polak, ich komme aus Papenburg im Emsland und ich bin Jude.« Kleine Pause. »Sie brauchen aber trotzdem nicht zu lachen.« Tut auch keiner. Das Publikum wirkt eher verunsichert, scheint sich zu fragen, was das soll. Der Mann auf der Bühne redet weiter: »Okay, wir verzeihen euch den Holocaust und ihr verzeiht uns Michel Friedman!« Jetzt kommen die ersten Lacher. Die Dämme brechen schließlich, als Oliver Polak dann mit zwei Fingerpuppen, einem Delfin und einem Walross nachstellt, wie er bei Hugendubel einmal zusammen mit einem Neonazi im Aufzug stecken geblieben ist.
Standup-Comedy macht Polak seit zweieinhalb Jahren. Davor war er Schlagzeuger der Band Sternzeit und Moderator bei VIVA und RTL. Geboren wurde er 1976 in Papenburg im Emsland. Man kennt den Ort nicht, außer man interessiert sich zufällig für Kreuzfahrtschiffe, die dort in der Meyer-Werft gebaut werden. Vor der Schoa lebten 100 Juden in Papenburg. Nach 1945 nur noch zwei. Einer davon war Oliver Polaks Vater, der, nachdem er aus dem KZ Riga in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, dort in Tex-tilien machte. Die nächste jüdische Gemeinde war 160 Kilometer entfernt in Osnabrück. Oliver Polak ist trotzdem jüdisch aufgewachsen. Wie, das beschreibt er in seinem Buch Ich darf das, ich bin Jude, das kommende Woche bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Pate gestanden bei dem Buch hat Maxim Biller, der Polaks Show gesehen hatte und meinte, dass die Witze dort auch für Menschen interessant sein könnten, die nicht ins Scheinbar-Varieté gehen.
Politisch korrekt ist das Buch ebenso wenig wie die Bühnenshow. Alles kommt zur Sprache, auch – für Leute, die so etwas genau wissen wollen – die Details der Beschneidung. Nur die Namen real existierender Personen wurden geändert. An-sonsten kennt Polak keine Tabus. Fast keine. »Ich könnte mir vorstellen, mein Programm ‚Beschnitten oder am Stück?‘ zu nennen oder ‚Jud süß-sauer‘, aber ich würde es zum Beispiel nicht nennen ‚Ein Jude gibt Vollgas.‘ Das wäre geschmacklos.« Und dann erzählt er den israelischen Witz von dem Schoa-Überlebenden im Restaurant, der vom Kellner gefragt wird »Wasser mit oder ohne Gas«? »Ich lache da trotzdem«, sagt der Comedian. »Aber eigentlich ist das so traurig, dass man es nur mit Humor ertragen kann.«
Hat er Vorbilder? Das Wort mag Polak nicht. »Aber es gibt Leute, die ich sehr schätze. Helge Schneider oder Hape Kerkeling. Und Otto natürlich. Wenn man in Papenburg aufwächst, dann ist Emden ja nicht weit.«
Und außerhalb Deutschlands? »Sarah Silverman finde ich natürlich auch bezaubernd in ihrer Art, ihre Gedanken und die Geschichten, die sie erzählt. Ich habe sie erst spät und zufällig entdeckt, als ich selbst schon Standup gemacht habe. Ich saß wie so ein Monchichi vor dem Fernseher und dachte mir: Wow, da ist eine, die sieht fast so gut aus wie ich und macht so was wie ich.«
Wobei Polak ein wesentlicher Unterschied zu Sarah Silverman und den vielen anderen jüdischen Comedians in den USA natürlich bewusst ist. Er ist (noch) der Einzige, der in Deutschland eine explizit jüdische Comedyshow macht. Das hat seine Vorteile. Polak steht quasi unter Artenschutz. Man könnte auch sagen, er hat Narrenfreiheit. »Nach Auftritten kamen oft deutsche Komiker zu mir und sagten: ‚Das hast du dir ja ganz schlau ausgedacht, dass du das jetzt aufgreifst mit dem Jüdischen, du kannst so was ja machen, aber ich als Deutscher dürfte das nie tun.‘« Wie der Buchtitel es besagt: Ich darf das, ich bin Jude.
In den USA hätte Polak dieses Quasimonopol auf Jüdisches natürlich nicht. Dafür, glaubt er, wäre es für ihn vielleicht »ein wenig einfacher, weil dort Jüdischkeit normal ist. Wenn du auf dem Flughafen bist und es ist gerade Weihnachten, dann steht da nicht nur ein Weihnachtsbaum, sondern auch ein Chanukkaleuchter. Der fehlt hierzulande, und auch in den Köpfen der Leute fehlt etwas. Ich merke manchmal in meinem Programm, dass ich meine Witze nicht einfach so machen kann, sondern dass ich sie vorbereiten muss, damit die Leute sie überhaupt verstehen.«
Ein wenig Neid schwingt deshalb mit, wenn Polak über seine amerikanischen Kollegen sagt: »Die dürfen alles. Die können dort auf ein starkes jüdisches Leben in den letzten 50 Jahren zurückgreifen. In Deutschland, äh, geht das komischerweise nicht ...« Vor allem nicht, wenn die eigenen Leute Thema sind. Oliver Polak versucht trotzdem, die Grenzen wenigstens auszutesten und auch gelegentlich zu verrücken. Etwa wenn er in dem Buch den Zentralrat als »Miesepeter« tituliert. »Schließlich darf man ja wohl mal seine eigene Regierung kritisieren«, verteidigt er sich. »Ich weiß natürlich, wozu der Zentralrat gut ist und warum er wichtig ist. Trotzdem denke ich mir, man könnte dort vielleicht mal einen neuen Style entwickeln.« Und dann schiebt er noch eine kleine Drohung hinterher: »So wie es jetzt im Buch steht, ist das noch die respektvolle Variante.«

oliver polak: ich darf das, ich bin jude
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 224 S., 8,95 €

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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