Zeitungszeugen

Beschlagnahmt

von Martin Krauss
und Katrin Richter

Jetzt handelt die Staatsanwaltschaft. Beide bereits erschienenen Ausgaben des neuen historischen Magazins »Zeitungszeugen« (vgl. Jüdische Allgemeine Nr. 3/09) wurden vergangene Woche von der Polizei beschlagnahmt. »Wo immer wir davon erfahren, dass das Urheberrecht verletzt wird, werden wir aktiv«, sagt eine Sprecherin des bayerischen Finanzministeriums der Jüdischen Allgemeinen. »Wir haben jetzt davon erfahren, dass eine ähnliche Zeitung in Österreich existiert, also werden wir da jetzt auch aktiv.« Der Freistaat Bayern macht seit 1945 die Urheberrechte an den Nazititeln wie »Der Angriff« oder »Völkischer Beobachter« geltend.
Gerade Österreich gilt den Unterstützern des Magazins als positives Beispiel. »Das Heft ist eine wunderbare Idee, in Österreich ist das hervorragend gelandet«, sagt Hans Mommsen, einer der renommiertesten NS-Forscher in Deutschland. »Dort hat sich niemand darüber aufgeregt.« Mommsen ist auch Berater von »Zeitungszeugen«. In Österreich hieß die Edition »NachRichten« (www.nach-richten.at) und wurde nach 52 erfolgreichen Ausgaben abgeschlossen. Für das Projekt, an dem auch schon die Chefredakteurin Sandra Paweronschitz beteiligt war, gab es Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland spricht sich jedoch gegen »Zeitungszeugen« aus. Die Beschlagnahme sei zwar ein »schwerwiegender Eingriff in die Pressefreiheit«, sagt die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, »da der Herausgeber aber trotzig jede sachliche Kritik an der Umsetzung seines Projekts rechthaberisch ignoriert, ist das Vorgehen der Justiz angemessen und gerechtfertigt.«
Die bayerischen Behörden argumentieren einerseits mit dem Urheberrecht, andererseits mit dem »Respekt vor den Opfern des Holocaust«. Bayerns Justizministerin Beate Merk griff die Herausgeber an, ihnen fehle die »nötige Sensibilität mit Geschichte und Recht«. Darüber ist Chefredakteurin Paweronschitz empört. »Man argumentiert mit dem Urheberrecht von Herrn Goebbels«, sagt sie. Auch der Hamburger Historiker Frank Bajohr, der im Beirat von »Zeitungszeugen« sitzt, hält den Hinweis auf das Urheberrecht für »verquer«. »Das Bayerische Finanzministerium will doch nicht ernsthaft die nationalsozialistischen Autoren schützen!«
Die Besonderheit von »Zeitungszeugen« ist, dass in einem redaktionell betreuten Mantel Originalzeitungen beiliegen. Das waren in der letzten Ausgabe der sozialdemokratische »Vorwärts«, die konservative »Vossische Zeitung« und das NSDAP-Blatt »Völkischer Beobachter«.
Vor allem wird kritisiert, dass die Zeitungen einfache Beileger von »Zeitungszeugen« sind, eins zu eins auf zeittypischem bräunlichen Papier nachgedruckt. »Nicht viel mehr als ein Briefumschlag fürs Nazi-Dokument« sei »Zeitungszeugen«, schreibt die »FAZ«. Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats, spricht von »Kopiervorlagen für Nachwuchsnazis am Zeitungskiosk«, und Charlotte Knobloch be- scheinigt dem Magazin eine »amateurhafte Umsetzung« – »daran ändert auch die Beteiligung von namhaften Historikern nichts«.
Die Historiker weisen die Kritik zurück. »Die Leute sollen sich nicht in Dinge einmischen, von denen sie nichts verstehen«, schimpft Hans Mommsen. Man wolle doch gerade das Interesse von jungen Leuten an zeithistorischen Dokumenten wecken, sagt er und beklagt nun »eine merkwürdig illiberale Atmospäre in der Bundesrepublik, die dem Normalbürger nicht zutraut, sein eigenes Urteil zu bilden.« Dass die Urheberrechte beim Freistaat Bayern liegen, hält Mommsen für »Kriegsfolgen, die endgültig beseitigt werden sollten. Die amerikanische Besatzungsbehörde wusste nicht, was sie mit den Rechten anfangen soll und hat die einfach an Bayern gegeben.«
Der Historiker Bajohr verweist auf die »publizistische Gegenperspektive«, die bei »Zeitungszeugen« immer eröffnet würde: »Auch jüdische Blätter, Zeitungen der Exilpresse oder Blätter aus dem Ausland wie etwa die ‚Neue Zürcher Zeitung’ sollen nachgedruckt werden.«
Für den Reprint des Schweizer Blattes hat »Zeitungszeugen« Geld bezahlt. Beim bereits nachgedruckten sozialdemokratischen »Vorwärts« hingegen prüft man derzeit, ob man nicht wegen Autoren- und Titelschutzrechten juristisch vorgehen soll. Das »Zeitungszeugen«-Projekt als solches hält »Vorwärts«-Chefredakteur Uwe-Karsten Heye hingegen für unterstützenswert. »Man kann damit doch gegen die Erinnerungsverweigerung vorgehen, die in den Nachkriegsjahren die deutsche Gesellschaft geprägt hat«, sagt Heye, der unter Gerhard Schröder Regierungssprecher war. »Wenn gesagt wird, man hätte nichts gewusst, kann man das jetzt mit den Originalzeitungen von damals gut widerlegen.«
Chefredakteurin Paweronschitz räumt ein, »dass es natürlich nicht gelingt, mit diesem Projekt den Rechtsextremismus in den Griff zu bekommen«. Aber sie glaubt, dass es immer noch besser ist, die Dinge anzusprechen, als sie unter den Tisch zu kehren. Und Historiker Bajohr meint, es sei die Stärke von »Zeitungszeugen«, »das Nebeneinander von scheinbarer Normalität und Barbarei« zu zeigen: »Also eine Hitlerrede neben dem Bericht eines Boxkampfs von Max Schmeling und einem Spiel des HSV.«
Darauf, dass ihr Projekt journalistisch und wissenschaftlich seriös geplant wurde, beharrt Sandra Paweronschitz. »Wir haben uns im Vorfeld mit Experten zusammengesetzt und standen auch in engem Kontakt zum Beispiel mit dem Büro der Zentralratspräsidentin Knobloch«, sagt sie. Knobloch hatte allerdings schon vor der ersten Ausgabe der »Zeitungszeugen Bedenken geäußert. «Ich kann nur hoffen, dass jeder Leser der Originalquellen auch die Kommentierungen und Analysen der renommierten Wissenschaftler liest», heißt es in einem Statement, das noch auf der Webseite von «Zeitungszeugen» (www.zeitungszeugen.de) nachlesbar ist. «Wenn nur die Zeitungen und die darin auch enthaltene nationalsozialistische Propaganda, die deutlich abgesetzt von den Kommentierungen veröffentlicht wird, zur Kenntnis genommen wür- den, wäre dies fatal. Als Überlebende der Schoa sind diese Texte für mich weit mehr als nur interessante, historische Quellen. Sie sind Teil einer grauenvollen Wirklichkeit, der ich entrinnen konnte.»
Dass «NachRichten», das ähnliche publizistische Projekt desselben Verlags in Österreich, von der dortigen jüdischen Gemeinde gut aufgenommen wurde, könnte auch mit einer deutlich weniger aggressiven Präsentation zusammenhängen. In der ersten Nummer der «NachRichten», die den «Anschluss» Österreichs an Nazideutschland zum Thema hatte, lagen die Zeitungen «Das kleine Blatt» und «Prager Presse» bei. Der «Völkische Beobachter» kam erst in der Nummer drei. Als «Hitlers 50. Geburtstag» behandelt wurde, gab es zwar die «Tages-Post» aus Linz, aber zugleich noch das Filmposter von Charlie Chaplins Der große Diktator als Beileger.
Am heutigen Donnerstag wird die dritte Nummer der «Zeitungszeugen» auf den Markt kommen, wieder mit einer sechsstelligen Auflage. Zum Start wurden angeblich 300.00 Exemplare gedruckt und über 200.000 verkauft. «Wir machen weiter», sagt Sandra Paweronschitz, fügt aber hinzu, dass diesmal kein «Völkischer Beobachter» beiliegen wird.
Diesmal nicht. Denn einschüchtern lassen will sich «Zeitungszeugen» nicht. «Wir wussten, wie restriktiv das bayerische Finanzministerium mit den Quasirechten umgeht», sagt sie. «Aber wir denken, dass wir im Recht sind.» Wie die Gerichte entscheiden, ist offen. Frank Bajohr warnt, dass die staatsanwaltschaftliche Beschlagnahme auf eine «Giftschrankpolitik» hinausläuft. Hans Mommsen meint: «Wenn das nicht gemacht werden darf, dann sind wir doch zurück in den 50er-Jahren.

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026