Arnon Grünberg

Autor aus Versehen

von Jeannette Villachica

Arnon Grünbergs Hände sind gepflegter als die mancher Frau: Die Nagelhaut ist ordentlich zurückgeschoben, die Fingernägel sind poliert. »Das hat praktische Gründe«, erzählt der gebürtige Niederländer gut gelaunt und in fast perfektem Deutsch. Er sei früher ein Nagelbeißer gewesen, bis ihn eine Nachbarin vor vier Jahren zur Maniküre schickte. »Die Angestellte in dem Nagelstudio weinte, als sie meine Hände sah. Um sie nicht unglücklich zu machen, ging ich immer wieder hin. Bis heute alle zwei Wochen. Das ist ein Ritual.«
Rituale liebt der freundliche Autor mit der markanten gelben Brille. »Weil ich zu Hause arbeite, brauche ich Termine, die den Tag strukturieren.« In New York, wo er seit elf Jahren lebt, frühstückt Grünberg jeden Morgen im selben Café, geht zweimal pro Woche zum Französischunterricht und hat seinen festen Friseur. Der hat die Wuschellocken des Schriftstellers in den Griff bekommen; sie sind inzwischen weit weniger raumgreifend als auf dem Autorenfoto der deutschen Ausgaben seiner Bücher.
Arnon Grünberg wurde 1971 in Amsterdam als Sohn emigrierter deutscher Juden geboren. Die Eltern waren vor den Nazis aus Berlin geflohen. Der Sohn wuchs religiös auf, rebellierte jedoch früh gegen das orthodoxe Familienmilieu. heute bezeichnet er sich als »schon lange nicht mehr gläubig. Seinen familiären Hintergrund verarbeitete Grünberg in seinem ersten Roman, Blauer Montag, in dem ein junger Mann aus jüdischem Elternhaus seinen Platz in der Welt zwischen Schoa-Erbe, Religion und Zionismus sucht. Das Buch war international erfolgreich. Seitdem steht Grünberg, der auch unter dem Pseudonym Marek van der Jagt schreibt, für sprachliche Furchtlosigkeit, überbordende Fantasie und klugen Wortwitz.
Die Enfant-Terrible-Attitüde seiner Anfangsjahre freilich ist inzwischen einem wesentlich erwachseneren Ton gewichen. Schon im letzten Roman Der Vogel ist krank war der Protagonist kein junger Wilder mehr. Und der Held seines neuesten Buchs Gnadenfrist ist ein mittelalter Biedermann. Gnadenfrist erzählt von dem niederländischen Botschafter Jean Baptiste Warnke, der ruhig und zufrieden mit seiner Familie in der peruanischen Hauptstadt Lima lebt, bis ihn die Leidenschaft für eine junge Einheimische aus der Rolle fallen läßt. Es geht in dem Roman um männliche Identität, Sexualität, und Kontrollverlust – zentrale Themen bei Arnon Grünberg. Zu seinem neuesten Buch inspirierte ihn übrigens ein trotz aller offiziellen Dementis hartnäckiges Gerücht. Als die peruanische Guerillaorganisation Tupac Amaru 1996 bei einem Botschaftsempfang in Lima anwesende Diplomaten als Geiseln nahm, waren seltsamerweise keine niederländischen Vertreter anwesend. Angeblich waren sie von einem Mitglied der Tupac Amaru gewarnt worden, das mit einem der Diplomaten befreundet war. Grünberg, für den es unabdingbar ist, die Schauplätze seiner Bücher aus eigenem Erleben zu kennen, recherchierte für den Roman zwei Wochen lang in Lima.
Eitelkeit sei seine größte Schwäche, sagt Grünberg, Offenheit seine größte Stärke. Sein Erfolg als Autor ist nicht strenger Lebensplanung geschuldet, sondern das Ergebnis von Zufällen. Eigentlich wollte er Schauspieler werden. Stattdessen gründete er als Zwanzigjähriger einen Verlag. «Mit neunzehn fragte mich auf der Frankfurter Buchmesse eine attraktive Frau, ob ich Verleger sei. Ich sagte einfach ja. Als ich nach Amsterdam zurückfuhr, dachte ich, vielleicht sollte ich wirklich einen Verlag gründen.» Das tat er dann und ließ vor allem deutsche Schriftsteller ins Niederländische übersetzen. Auch Schriftsteller wurde Arnon Grünberg eher zufällig: «Meinem holländischen Verleger begegnete ich, als ich meinen Verlag verkaufen wollte. Den Verlag kaufte er dann doch nicht, aber er wollte, daß ich ein Buch schreibe.»
Zur Zeit läßt Grünberg den Zufall auch in sein privates Leben. Die russische Maniküre, die seine Fingernägel verschönert, vermittelt ihm seit geraumer Zeit Verabredungen mit Frauen. «Sie findet, ich müßte dringend heiraten.» Er grinst. «Bisher waren die Treffen zwar alle enttäuschend, für die Frauen genauso wie für mich. Aber es fällt mir generell schwer, nein zu sagen. Man weiß ja nie ...»

Von Arnon Grünberg ist zuletzt erschienen: «Gnadenfrist» (Diogenes, Zürich 2006, 150 S., 17,90 €)

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026

Reisen

Lufthansa setzt weiterhin viele Nahost-Flüge aus

Flüge nach Tel Aviv, Teheran und in andere Städte bleiben ausgesetzt. Lufthansa reagiert weiter auf die Lage im Nahen Osten – Charterflüge für Rückholaktionen laufen jedoch weiter.

 09.03.2026

Südlibanon

Zwei israelische Soldaten bei Hisbollah-Angriff getötet

Nach einer vorläufigen Untersuchung der israelischen Armee begann der Vorfall, als ein Panzer während eines Einsatzes stecken blieb

 08.03.2026

Washington

USA intervenieren gegen mögliche Russland-Hilfe für den Iran

Sondergesandter Steve Witkoff kritisiert Moskau dafür, dass es Teheran im Krieg zu unterstützen scheint

 08.03.2026

Iraner in Deutschland

»Einfach leben«

Der Exil-Iraner und Musikmanager Babak Shafian war bisher skeptisch, wenn es um den möglichen Fall des Mullah-Regimes ging. Diesmal ist er hoffnungsvoll. Der Grund dafür ist Israel

 04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Botschafter Ron Prosor: Das Regime in Teheran steht mit dem Rücken zur Wand

Interview

»Ich bin für die klare Haltung Deutschlands dankbar«

Israels Botschafter Ron Prosor zu deutschen Reaktionen nach den Angriffen auf den Iran, zur Sicherheitslage israelischer und jüdischer Einrichtungen sowie zu einer Nachricht zu Purim

von Detlef David Kauschke  02.03.2026