Razzia

Ausgeschlachtet

von Katrin Richter

Auf dem Speiseplan im Postville Community School District steht für die 22. Kalenderwoche unter anderem ein Schinken-Käse-Sandwich mit Pommes frites, Erbsen und Früchten. Doch womöglich werden, wie schon in den vergangenen zwei Wochen, weniger Schüler als sonst mitessen. Denn seit die amerikanische Einwanderungsbehörde in der kleinen Stadt im Bundesstaat Iowa in der größten koscheren Schlachterei der USA eine Razzia durchgeführt hat, kommen viele Schüler nicht mehr zum Unterricht. Bei der Razzia wurden mehr als 300 illegale Arbeiter festgenommen. Nun haben viele Latino-Eltern Angst – um sich und ihre Kinder.
Am Montag, 12. Mai, kommen morgens um 10 Uhr Bundesbeamte der United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) in die Fabrik von Aaron Rubashkin. Der Gründer von AgriProcessors steht unter dem Verdacht, mehrere hundert illegale Einwanderer zu beschäftigen. Die Beamten fragen nach Sozialausweis, Wohnort, Aufenthaltsgenehmigung. Die Angestellten sind verunsichert. Was wird mit ihnen geschehen? Viele haben Kinder, die in dem knapp 2.500 Einwohner zählenden Ort aufgewachsen sind. Von den erwarteten fast 700 verdächtigten Arbeitern werden schließlich 389 festgenommen. Die meisten kommen aus Mexiko und Guatemala.
Eine von ihnen ist Angela Noemi Lastor-Gomez. Sie geht mit den anderen Verhafteten in einen behelfsmäßigen Gerichtsraum, der in einem Tanzsaal eingerichtet wurde. Die Anschuldigungen sind schwer. Ein Dolmetscher übersetzt Lastor-Gomez, was sie erwartet, wenn sie nicht nach Guatemala zurückgeht. 250.000 Dollar Strafe und zehn Jahre Gefängnis. Was soll sie tun? Sie entscheidet sich, nach Guatemala zurückzugehen. Im Gegenzug erhält sie fünf Jahre auf Bewährung. Unter Tränen bedankt sie sich bei den Richtern: »Gott segne Sie.« Dann wird sie abgeführt, und der nächste Angestellte tritt vor den Haftrichter.
Bundesanwalt Matt Dummermuth hat offiziell erklärt, dass diese Razzia eine der größten ihrer Art in Iowa gewesen ist. Die Aktion wurde monatelang vorbereitet. Hinweise kamen vornehmlich von früheren Angestellten der Firma. Die ICE verließ sich jedoch zusätzlich noch auf andere Quellen, wie einen verdeckt operierenden Angestellten, der über die Arbeitsbedingungen berichtete. Und die waren alles andere als koscher. Nicht genug, dass die Einwanderer falsche Sozialversicherungsnummern hatten, sie arbeiteten für einen Hungerlohn. Der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters beläuft sich auf acht Dollar, doch die illegal Beschäftigten bekamen bei AgriProcessor gerade mal etwas mehr als die Hälfte.
Wie kann eine Firma, die koscheres Fleisch herstellt und sich – zumindest steht es so auf ihrer Homepage – zum Ziel gesetzt hat, die »tiefen religiösen Traditionen einzuhalten«, Menschen derart ausbeuten? Von AgriProcessors gibt es bis heute kein offizielles Statement.
Die Fabrik scheint sich an Ärger mit dem Gesetz schon gewöhnt zu haben. Denn die Vorwürfe an den größten Hersteller von koscherem Rind- und Hühnchenfleisch sind nicht die ersten. Schon in den vergangenen Jahren ist die Fabrik massiv in die Kritik geraten. Mehrfach wurden die hygienischen Bedingungen und die Haltung der Tiere bemängelt. Letztere vor zwei Jahren vom United States Department of Agriculture (USDA). Die USDA ging auch Vorwürfen der Umweltverschmutzung durch Ablassen von dreckigem Wasser in einen See nach.
AgriProcessors setzt alles daran, sich von diesen Beschuldigungen freizumachen und hat viele Briefe von Zulieferern, Kunden, Bauern und sogar dem Bürgermeister von Postville ins Internet gestellt. Sie alle sprechen der Firma höchstes Vertrauen aus. Doch das Selbstbild der gemeinnützig tätigen Firma, die auch Häuser für ihre Arbeiter errichtet und ihnen komfortable Arbeitsbedingungen bietet, stimmt nach all den Vorwürfen und dem letzten Vorfall mit dem Eindruck, den man von außen hat, nicht mehr überein.
AgriProcessors ist einer der größten Arbeitgeber in Postville. Seit einigen Wochen allerdings muss die Firma mit Aushilfskräften arbeiten. Der 41-jährige Dan Keller erhielt nach der Razzia einen Anruf vom Arbeitsamt. Der ehemalige Maschinist arbeitet jetzt an der Vakuumstation für Fertigprodukte und ist mit seiner Arbeit rundum zufrieden. »Sie behandeln uns sehr gut.« Nur durch die Hilfe solcher Arbeiter wird zur Zeit der Betrieb bei AgriProcessors aufrechterhalten. Denn fast die Hälfte der gesamten Belegschaft arbeitet nicht mehr dort. Fabrikgründer Aaron Rubashkin sagte der Chicago Tribune am vergangenen Freitag, dass Agriprocessors demnächst einen neuen Vorsitzenden bekäme. Doch zu der Razzia äußerte er sich nicht. (mit JTA)

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Berliner Linke berät zum wiederholten Mal über umstrittene Abgeordnete

Vanessa Emde steht wegen Äußerungen zu Israel und zum Nahost-Konflikt massiv in der Kritik

 27.10.2026

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Schwerin

Schwesig wirbt für Bund-Länder-Gruppe zur Prüfung der AfD

Den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen? Gut, findet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin – und spricht sich für den Vorstoß eines CDU-Ministerpräsidenten aus

 22.10.2026

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026

Berlin

Zwei Parteien in Berlin entscheiden über Koalitionsgespräche

Nach teils zähen Sondierungen entscheiden Grüne und SPD in Berlin über Koalitionsgespräche mit der Linken. Aber aus den Reihen der Sozialdemokraten gibt es Zweifel und Kritik, auch aufgrund der Antisemitismus-Skandale bei der Linkspartei

 19.10.2026