Rabbiner

Aus eigener Kraft

von Micha Brumlik

Die Ordination dreier Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs in der Dresdner Synagoge zeigt vor allem eines: Das Judentum ist eine Weltreligion und nicht – wie gerade in letzter Zeit immer wieder unterstellt – eine Außenstelle des Staates Israel und seiner Regierungen. Weltreligionen sind Glaubensweisen, zu denen sich, unabhängig von ihrer ethnischen oder nationalen Herkunft, alle Menschen folgenreich bekennen können. Das war im Judentum seit der Antike nie anders. Jüdinnen und Juden sind ihrer Geburt nach zum Glauben berufen, Nichtjüdinnen oder Nichtjuden treten mit ihrer Konversion dem Bund vom Sinai bei.
Religiöse Organisationen aber bedürfen zum Vollzug liturgischer Handlungen und zur Auslegung ihrer reichhaltigen Lehre sowie zur Verkündigung ihres Glaubens eines besonders gebildeten Personals. Im Judentum, das sich seit der Zerstörung des Zweiten Tempels historisch herausgebildet hat, waren das die »Rabbanim«, die Rabbiner, seit dem frühen 20. Jahrhundert auch Rabbinerinnen. Die Gestalt des Rabbiners ist aus der Sekte der Pharisäer beziehungsweise dem Stand der Schriftgelehrten entstanden. Die Rabbanim haben das aus der Kaste der Kohanim rekrutierte Tempelpriestertum abgelöst, das seither nur noch eine nebensächliche liturgische Rolle spielt.
Mit der Institution des Rabbinats ist seit dem zweiten Jahrhundert eine Geistlichkeit entstanden, die sich strikt unterschied von dem zunächst bis in die Reformationszeit durchhaltenden christlichen Priestertum. Das Judentum kennt keine liturgisch gerahmten Glaubensgeheimnisse, keine Sakramente und bedarf somit auch keines besonders geheiligten Personals. Daher werden Rabbiner im Unterschied zu Priestern nicht geweiht, sondern ordiniert, also in einem öffentlich nachvollziehbaren Verfahren gesegnet und feierlich in ihr Amt eingeführt.
Das Judentum ist als Glaube einer sich in Gottes Weisungen erfüllenden Lebensform stets darauf angewiesen, die Vorgaben der Tora mit den Realitäten konkreter jüdischer Existenz zu vermitteln. Daher war die verbindliche Auslegung der Weisung und die erbauliche Deutung der Geschichten Israels auf eine immer größere Gelehrsamkeit angewiesen. Rabbiner waren also zunächst Rechtsgelehrte, wobei in spätantiker, talmudischer Zeit Recht und Glaube noch nicht voneinander abgegrenzt waren.
Im Babylonischen Talmud, im Traktat Sanhedrin, ist aufgeführt, nach welchen Verfahren zum Richten legitimierte Mitglieder des großen Rats berufen wurden. Ein Gremium dreier älterer Ratsmitglieder, von denen mindestens einer selbst die Befugnis zum Richteramt haben mußte, sprach schließlich die Ordinierungsformel: »Darf er entscheiden? Er darf entscheiden! Darf er richten? Er darf richten! Darf er gestatten? Er darf gestatten!«
Die diasporische Existenz des Judentums im Laufe von beinahe zweitausend Jahren erzwang es beinahe, daß dem Rabbinat über das religiöse Richten hinaus auch Aufgaben politischer und geistiger Gemeindeführung zuwuchsen; zudem blieb es in den mystischen Strömungen gerade des ostmitteleuropäischen Judentums nicht aus, daß charismatische Rebbes als quasi göttliche, messianische Mittlergestalten verehrt wurden und werden.
Emanzipation und Assimilation des aschkenasischen Judentums im 19. Jahrhundert führten schließlich zu einer formalen Angleichung rabbinischer Bildung an die professionalisierte, akademische Ausbildung vor allem protestantischer Theologen. Dagegen genügt das noch heute in manchen Teilen der Orthodoxie übliche unstrukturierte Talmudlernen in einer Jeschiwa, an dessen Ende die von drei Rabbinern erteilte Smicha steht, den Ansprüchen einer modernen geistlichen Gemeindeführung weder in seelsorgerlicher noch in theologischer Hinsicht. Diese Art des Studiums leidet zudem darunter, daß das von jedem sich »Jeschiwa« nennenden Lehrhaus ausstellbare Zertifikat »Rabbiner« nicht bewertbar ist. Denn dort existieren oft weder Studiengang noch Studienplan und können so von den Abnehmern, den Gemeinden, nicht überprüft werden.
Mit der feierlichen Dresdner Ordination schließt das neue deutsche Judentum nicht nur an die von den Nationalsozialisten zerstörte europäisch-jüdische Kultur an, sondern erklärt seine geistige Unabhängigkeit. Beides – Zugehörigkeit zu einer Weltreligion und besondere regionale Verankerung – bedingt einander. Das war den Rabbanim, denen wir nicht von ungefähr einen Jerusalemer und einen Babylonischen Talmud verdanken, von Anfang an klar.

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