Tennis-Begeisterung

Aufschlag und Aufstieg

von Martin Krauss

»Ich hatte ja erwartet, dass die Menge laut ist, aber doch nicht so etwas.« Anna Tschakwetadse belegt zur Zeit Platz sieben der Tennis-Weltrangliste und hat schon einiges erlebt. Aber wie das Publikum im Tennisstadion von Ramat Hasharon die israelische Mannschaft beim Fed Cup gegen Russland anfeuerte, war Tschakwetadse zu heftig.
Das erste Spiel hatte die Israelin Shahar Pe’er gegen die Russin Dinara Safina gewonnen. Da wurde das Publikum noch lauter, denn es erhoffte sich einen sen- sationellen Sieg gegen den Titelverteidiger.
Doch dann kam Maria Scharapowa auf den Platz. Die in Florida lebende Russin, die gerade erst in Melbourne die Australian Open gewonnen hatte, zeigte sowohl ihrer Gegnerin Tzipi Obziler als auch dem Publikum, was ein Weltstar zu leisten imstande ist. Während ihre Teamkollegin Tschakwetadse über mangelnden Respekt schimpfte (»Vielleicht haben die Leute gedacht, sie wären zu einem Fußballspiel gekommen«), mühte sich Scharapowa mit beschwichtigenden Gesten darum, den Lärm auf den Tribünen ein wenig zu dämpfen. »Mir war klar, dass ich wirklich gutes Tennis spielte«, sagte die Weltranglistenfünfte später, »und obwohl die Leute zu 95 Prozent gegen mich waren, haben sie mich respektiert.« Scharapowa gewann gegen Shahar Pe’er auch ihr zweites Spiel. Das russische Doppel Safina/Vesnina siegte über die Israelis Obziler/Pe’er, und ausgerechnet die schimpfende Tschakwetadse stellte mit einem 6:4, 6:2-Sieg über Obziler den endgültigen russischen Erfolg sicher.
Tschakwetadse war dennoch nicht zu beruhigen. »Tennis ist ja hier in Israel nicht so bedeutend«, empörte sie sich in der Pressekonferenz, »vielleicht kennen viele Leute die Regeln nicht«. Vielleicht kennt Tschakwetadse aber Israel nicht. Die Begeisterung, die die Russin so störte, rührt daher, dass Tennis zurzeit in Israel boomt.
Ende Januar gewannen Jonathan Erlich und Andy Ram das Männer-Doppel der Australian Open – der erste Grand-Slam-Titel für ein rein israelisches Duo. Im Frauendoppel hatte die erst 20-jährige Shahar Pe’er gemeinsam mit der Weißrussin Wiktoryja Asarenka zwar das Finale in Melbourne erreicht, dann aber verloren.
Vielleicht fällt es bei flüchtiger Betrachtung nicht sofort auf, aber Israel ist wirklich an der Spitze des Welttennis angelangt. Und gerade die Nationalmann- schafts-Wettbewerbe verschaffen dem einst vornehmen Sport neue Fans – die mitunter unüberhörbar sind.
Die israelischen Frauen spielen erstmals in der Tennisgeschichte in der Weltgruppe der besten acht Nationen des Federations Cup. Und auch die israelischen Männer sind in ihrem Wettbewerb, dem Davis Cup, an der Spitze angelangt. Im vergangenen September gelang Dudi Sela in einem Fünfstunden-Match der entscheidende Sieg über den chilenischen Weltklassespieler Fernando Gonzales – seither sind auch die Männer in der Weltgruppe, zum ersten Mal seit 13 Jahren. Und die israelische Öffentlichkeit befindet sich seither im Tennisdelirium. »Es ist wirklich eines der wunderbarsten und schönsten Beispiele für israelischen Nationalismus, die man finden kann«, schreibt der Sportjournalist Jeremy Last in der »Jerusalem Post«.
Der israelische Aufstieg kommt zu einem günstigen Zeitpunkt. Gerade zeichnet sich nämlich im Welttennis, sowohl dem der Männer als auch dem der Frauen, ein Umbruch ab. Bei den Australian Open schied der Schweizer Roger Federer, der während der letzten Jahre das Tennis souverän beherrschte, im Halbfinale gegen den späteren Sieger Novak Djokovic aus. Dieser und sein Finalgegner Jo-Wilfried Tsonga aus Frankreich stehen für ein athletisches, modernes Tennis, das dabei ist, seinen Ruf als elitärer Sport endgültig abzulegen. »Sicherlich ist der Hunger nach Erfolg bei uns größer«, sagte der Serbe Djokovic zu den sozialen Gründen seines Erfolgs. »Das kann man auch bei Mädchen wie Scharapowa und den Williams-Schwestern sehen.« Die Weltklassespielerinnen Venus und Serena Williams stammen aus einem Ghetto von Los Angeles, Djokovics Eltern haben einen kleinen Berggasthof in Serbien, und Scharapowas Familie machte Schulden, um dem talentierten Kind eine gute Tennisausbildung zu verschaffen.
Das Welttennis macht eine längst überfällige Demokratisierung durch, und genau zu diesem Zeitpunkt können die israelischen Tennis-Cracks punkten. Nicht nur das. Mit Maria Scharapowa reiste eine der Symbolfiguren dieses Umbruchs nach Israel. Eine »Mariamania« diagnostzierte die Tageszeitung Haaretz. Alle Ausgänge des Hotels, in dem das russische Team abgestiegen war, wurden von Fotografen und Kameraleuten belagert, und Scharapowa musste sich auf den Pressekonferenzen Fragen nach ihrem (nicht vorhandenen) Freund und ihrem (gerade erst gekauften) Hund gefallen lassen.
Oded Jacob, der Kapitän des israelischen Fed-Cup-Teams, bemühte sich, die Diskussion auf die sportlichen Belange zu beschränken. »Wir haben die Weltgruppe verdientermaßen erreicht«, sagte er nach dem nicht ganz unerwarteten Ausscheiden. »Niemand hatte uns eine Wild Card zu den besten Acht der Welt gegeben.« Auch Shahar Pe’er war nicht unzufrieden. »Ich habe Fehler gemacht«, sagte sie nach der Niederlage gegen Scharapowa, »aber ich habe nicht armselig gespielt«. Ähnlich geht es der 34-jährigen Tzipi Obziler. »Ich habe gutes Tennis gespielt«, sagte sie nach ihrer Niederlage gegen Anna Tschakwetadse, »aber sie hat besser gepunktet.«
Der Umbruch im Welttennis ist vor allem eine Chance für Israel. Andy Ram weist darauf hin, dass in allen Finals der Australian Open kein einziger Spieler aus den USA vertreten war. »Daher denke ich, dass unser Titel gemeinsam mit Shahar Pe’ers Finaleinzug eine große Leistung für unser kleines Land ist.«
Am kommenden Wochenende, beginnend am Freitag, den 8. Februar, kann die israelische Tennishysterie weitergehen. Dann nämlich empfangen die Männer in Ramat Hasharon die schwedische Davis-Cup-Mannschaft. 5.000 israelische Fans werden da sein.

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