Holocaust-Ausstellung

Aufs Abstellgleis

von Ingo way

Üblicherweise erfreut Bahnchef Hartmut Mehdorn seine Kundschaft und die Öffentlichkeit mit Fahrpreiserhöhungen, Verschlechterungen des Service, monumentalen Bahnhofsneubauten und be-scheidenem Auftreten. Jetzt hat er in einem Gespräch mit der Tageszeitung Welt am Sonntag zudem noch eine eigene Holocaust-Ausstellung der Deutschen Bahn in Aussicht gestellt. Bei genauem Hinsehen ist dies jedoch nichts Neues. Mehdorn bezieht sich auf die bereits bestehende Ausstellung zu den Deportationszügen der Deutschen Reichsbahn im Bahnmuseum in Nürnberg, die er »bereit« sei, auch in anderen Städten zu zeigen.
Damit reagiert Mehdorn auf den Vorschlag der französischen Opferorganisation »Fils et Filles des Déportés Juifs de France« (FFDJF/Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs) von Beate Klarsfeld, auch auf deutschen Bahnhöfen eine Foto-Ausstellung über die Kinder zu zeigen, die mit der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert wurden. In Frankreich war diese Ausstellung in den vergangenen zwei Jahren bereits auf zahlrei- chen Bahnhöfen zu sehen; in Deutschland engagiert sich die »Initiative elftausend Kinder« für die Dokumentation.
Mehdorn hält davon nichts. Die von den Klarsfelds konzipierte Ausstellung ist für ihn »einem Thema wie dem Holocaust nicht angemessen«, da sie nach der Methode »Shock and go« funktioniere – so der sonst nicht für seine Subtilität bekannte Mehdorn. Warum die Kinderfotos den Reisenden nicht zugemutet werden können, verrät der Bahnchef nicht. Zudem ist dies ein neues Argument in der Debatte. Bislang hatte die Bahn ihre ablehnende Haltung zu dieser Ausstellung mit Sicherheitsbedenken begründet: Man könne die Schautafeln nicht rund um die Uhr vor Rechtsradikalen schützen.
Der Bundesminister für Verkehr, Wolfgang Tiefensee, hatte Mehdorn im Frühjahr 2006 im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen nahegelegt, die Ausstellung der Klarsfelds zuzulassen. Bisher erfolglos. Erst kürzlich soll es laut Nahrichtenmagazin »Spiegel« bei einem Gespräch zwischen Minister und Bahnchef zu einem Eklat gekommen sein. Am Dienstag ging Tiefensee weiter auf Konfrontation zu Mehdorn. Der Süddeutschen Zeitung sagte er: »Der Nationalsozialismus war eine Diktatur, die sich im Alltag abgespielt hat und vom Alltag getra- gen worden ist.« Deshalb gehöre die Ausstellung zur Deportation jüdischer Kinder »an die gleichen Orte, auf die Bahnhöfe«.
Die »Initiative elftausend Kinder« will in den nächsten Wochen – rund um den 9. November – in mehreren deutschen Städten Protestaktionen gegen die starre Haltung der Deutschen Bahn abhalten. Mehdorns Ankündigung, die Nürnberger Aus- stellung durch verschiedene Städte wandern zu lassen, ist offenbar dazu gedacht, drohenden Imageschaden abzuwenden. Den Klarsfelds wirft er vor, die Geschichte der Bahn zu skandalisieren, »obwohl es nichts zu skandalisieren gibt«.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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