Tel Aviv

Auf Sand gebaut

von Detlef David Kauschke

Wie viele Einwohner hat Tel Aviv? Eine, zwei oder drei Millionen? Oder vielleicht acht Millionen, wie das große Vorbild New York? Nein. Es sind wirklich nur 390.000, ebenso viel wie zum Beispiel Bochum. Dennoch vergleichen Tel Aviver ihre Stadt gerne mit anderen Weltmetropolen und nennen sie »Big Orange«. Tel Aviv sei wie New York, der »Big Apple«, ebenso hektisch, aufregend, schön, jung, kreativ, liberal, multikulturell und modern. Bürgermeister Ron Huldai sagt über seine Stadt, sie sei »eine aufregende Metropole, in der Unabhängigkeit, Modernität, Technologie, Vielfalt und Pluralismus jeden Tag aufs Neue gefeiert werden«.
Anlass zum Feiern bietet nun auch der runde Geburtstag: das 100-jährige Bestehen der Stadt. Am vergangenen Wochen-ende begannen die Feierlichkeiten. Am Freitag ging es mit einem riesigen Straßenfest los und am Samstagabend mit dem großen Eröffnungskonzert auf dem Rabin-Platz weiter. Rund 100.000 Zuschauer verfolgten die Auftritte des israelischen Philharmonieorchesters unter Zubin Mehta und die Darbietungen israelischer Mu-
sikstars, wie Miri Mesika, Matti Caspi und Dana International, die mit einer farbenprächtigen Licht- und Lasershow und ei-
nem Feuerwerk beendet wurde.
Bereits am Donnerstag hatten sich zahlreiche Ehrengäste, allen voran Staatspräsident Schimon Peres, zum offiziellen Auftakt in der Bialikstraße versammelt. Eine hübsche Straße, mit vielen restaurierten historischen Gebäuden. Doch eben nicht der Ort, wo vor 100 Jahren alles begann.
Fragt man die Tel Aviver, erhält man unterschiedlichste Angaben, wo sich die 60 Familien zu der Verlosung trafen, die als Stadtgründung gefeiert wird. Überliefert, und vom Fotografen Avraham Susskind im Bild festgehalten, ist, dass es auf einer Sanddüne nördlich von Jaffa ge-
schah. Reiseleiterin Yehudith Livnat, die schon seit über 30 Jahren Touristen durch ihre Stadt führt, meint, es könnte »irgendwo in der Nähe der Großen Synagoge an der Allenby« gewesen sein. Der Journalist Ilan Shchori, der zum Stadtjubiläum sein Buch Tel Aviv – the dynamics of a dream in aktualisierter Fassung herausgegeben hat, meint, der historische Ort sei an der Rothschild-/Ecke Herzlstraße zu finden. Dort habe am 20. Nissan, dem sechsten Tag des Pessachfestes, die Verlosung stattgefunden. Er betont aber, dass eigentlich der 5. Juli 1906 als Gründungsdatum gelten könne. Denn an diesem Tag schlug Akiva Arie Weiss in einer Sitzung mit verschiedenen jüdischen Persönlichkeiten in Jaffa vor, eine Siedlung »mit 100 Prozent Hebräern, die Hebräisch sprechen« außerhalb der Stadtmauern zu schaffen.
Ähnliches berichtet auch Tali Kankrewicz, Fremdenführerin im Haus Rothschildstraße 16. Sie zeigt den Besuchern dann das Susskind-Foto in der Eingangshalle des Gebäudes und meint, es sei am 11. April 1909 genau an diesem Ort aufgenommen worden. Damals auf Dünensand. Heute steht hier das Gebäude, das die Geschichte der Stadt und des Landes unter einem Dach vereint. In diesem ehemaligen Wohnhaus des ersten Bürgermeisters von Tel Aviv, Meir Dizengoff, dem späteren Kunstmuseum der Stadt, erklärte am
14. Mai 1948 David Ben-Gurion die Unabhängigkeit des jüdischen Staates.
Hier wurde der zionistische Traum ei-
nes jüdischen Staates wahr. Und – wenn es wirklich dieser Ort war – zugleich der Traum von der ersten hebräischen Stadt der Moderne. Entsprechend der Vision der Stadtgründer, die eine ganz neue Lebensqualität suchten: »Häuser mit grünenden Gärten und Blumenbeeten, mit Kinderspielplätzen, Straßenbeleuchtung und fließendem Wasser. Kurz, eine jüdische Stadt, die sich nicht schämen muss, ihren gerechten Platz unter den Städten der Welt einzunehmen.«
100 Jahre später hat Tel Aviv seinen Platz gefunden – und ist kulturelle und wirtschaftliche Metropole der Region ge-
worden, zweitgrößte Stadt des Landes und touristischer Anziehungspunkt. Bereits im vergangenen Jahr verbuchte Tel Aviv ei-
nen Besucherrekord: zwei Millionen Übernachtungsgäste, sogar mehr als im bisherigen Rekordjahr 2000, in dem Papst Johannes Paul II. Israel besuchte. Im Jubilä-
umsjahr werden noch mehr erwartet – und wenn es nur fürs Wochenende ist. Nach Angaben von Eli Ziv, dem Direktor des städtischen Hotelverbandes, soll es für die »Tel Aviv City Breaks« Angebote ab 420 Euro (incl. Flug und drei Übernachtungen) ge-
ben. Die Stadt setzt damit auf Kurzurlauber, die mal eben zum Einkaufsbummel oder Sonnetanken kommen – und zum Mitfeiern.
Dafür ist noch neun Monate Zeit. Bis zum Jahresende dauern die Feierlichkeiten, die etwa acht Millionen Euro kosten sollen und zu denen unter anderem Opernaufführungen, ein Theaterfestival, der Stadtmarathon, Kinderfeste und Ausstellungen gehören. Geplant sind sogar Abstecher in europäische Städte – mit »Mega-Events« in Paris, Kopenhagen und Wien. Und am 31. Mai steht eine Geburtstagsparade in New York auf dem Programm, wo man sich dann doch ungewöhnlich bescheiden ankündigt: »The little Orange marches in the Big Apple«.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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