ordiniert

Auf ins neue Leben

Für die Werte der Religion eine zeitgenössische Sprache zu finden – das war und ist unter anderem die Aufgabe eines Rabbiners. In diesem Sinne hat das Rabbinerseminar zu Berlin von seiner Gründung 1873 bis zu seiner gewaltsamen Schließung nach der Pogromnacht 1938 Generationen von Geistlichen ausgebildet. Daran erinnerte Rabbiner Joshua Spinner bei der Ordination der beiden orthodoxen Rabbiner Zsolt Balla und Avraham Radbil am vergangenen Dienstag in der Münchner Ohel-Jakob-Synagoge. Sie sind die ersten Absolventen des neu gegründeten Rabbinerseminars zu Berlin, dessen Vorsitzender Rabbiner Spinner ist.

traumhaft Für Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch war diese Ordination die Erfüllung eines weiteren Traums. Seit Jahrzehnten ist ihre Vision, dass das Judentum in Deutschland nicht nur zahlenmäßig auf den Stand der Zeit von vor der Schoa komme. »Damit aus einem Überleben ein Leben wird, braucht es vor allem geistige Kraft. Jüdisches Leben ist ohne Rabbiner nicht denkbar. Schließlich ist der Kern jüdischen Seins die Religion. Bei allen Unterschieden, die das jüdische Volk überall auf der Welt prägen, sind es unser gemeinsamer Glaube, unsere geteilten Werte, Überzeugungen und Traditionen, die uns verbinden und letztlich ausmachen.« Dass orthodoxe Rabbiner jetzt wieder in Deutschland ausgebildet werden können, dafür galt ihr Dank auch Ronald S. Lauder, der das Rabbinerseminar unterstützt. »So wie die Kunst ohne Mäzene keine Zukunft hätte, so braucht auch Religiosität Förderer. Denn Bildung ist das Fundament unserer Gesellschaft. Und nicht ihr Ornament.« Neben Lauder galt der Dank auch Roman Skoblo, der das Gebäude für das Seminar zur Verfügung gestellt hat. Lauder erinnerte an die »Story behind the event«, an die Anfänge, als er sich für den Aufbau von jüdischen Kindergärten und Schulen engagierte. Eine war in Budapest entstanden, der Stadt, aus der Rabbiner Balla stammt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble erinnerte in seiner Ansprache daran, dass er schon bei der Einweihung des Gemeindezentrums von der Dankbarkeit gesprochen habe, dass nach dem Holocaust wieder jüdisches Leben in Deutschland mög- lich ist. »Heute ist ein weiterer Grund zur Freude und zur Hoffnung. Freiheit, Gleichheit und Solidarität, das gewinnt in Zeiten der Globalisierung an Bedeutung. Ich wünsche uns allen, dass wir an einer guten Gesellschaft bauen können, in der die Würde des Menschen der Maßstab ist.«

segensreich Nicht nur die Ordination bewegte die Festgäste, sondern auch die Tatsache, dass mit Rabbiner Azaria Hildesheimer, ein Nachfahre von Rabbiner Esriel Hildesheimer, dem Gründer des Rabbinerseminars zu Berlin vor mehr als 100 Jahren anwesend war. Der Urenkel nannte das Rabbinerseminar zu Berlin »eine der wunderbaren Errungenschaften der Orthodoxie. Von dort verbreiteten sich Tora-Lehre und Tora-Führung in verschiedene Länder unserer Welt und von dort sind Hunderte Gelehrte als Prominente in verschiedenen jüdischen Gemeinden eingesetzt worden. Diese jungen Rabbiner amtierten als Hüter der jüdischen Tradition und Lehre.« Hildesheimer zitierte seinen Urgroßvater sel. A., der bei der Eröffnung des Rabbinerseminars 1874 sagte: »Der Segen herrscht auf dem vom Auge Verdecktem.« Dabei handle es sich um etwas, das gar nicht sichtbar ist, nämlich um die Weisheit. Sie solle ein Teil eines jeden Juden sein. An die beiden jungen Rabbonim gewandt, sagte er: »Eure Aufgabe ist es, dass unsere Tora ein Gut jedes Einzelnen wird.« Rabbiner Chanoch Ehrentreu, der Rektor des Rabbinerseminars zu Berlin, erinnerte an die Tradition dieses Hauses und nannte die Ordination einen bewegenden Moment. Er und Rabbiner Yoel Smith segneten die beiden jungen Rabbiner und wünschten ihnen ein erfolgreiches Wirken.

zuversichtlich Vor der Übergabe der Smicha, der Zertifikate, an die beiden jungen Rabbiner erklärte Nathan Kalmanowicz vom Zentralrat der Juden in Deutschland die Bedeutung der Zeremonie. Auch er hob die Besonderheit dieses Tages in der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte hervor. Smicha bedeute Kontinuität und lebendige Verbindung zwischen den Generationen, zwischen Schülern und ihren Lehrern. Smicha »ist Ausdruck der Zuversicht und Freude, in welcher eine Generation der nachfolgenden den Inhalt jüdischen Lebens und Lernens anvertraut.« Der Münchner Gemeinderabbiner Steven Shimon Langnas bestätigte für die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands die Ordination. Moris Lehner, Jura-Professor an der LMU München und im Vorstand der IKG zuständig für den Kultusbereich, hielt am Abend eine Festrede beim Galadinner zu Ehren von Ronald S. Lauder, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses. Er betonte, dass der Gründer des Berliner Rabbinerseminars, Rabbiner Hildesheimer, immer Wert darauf gelegt habe, dass die Absolventen des Seminars neben ihrer Ausbildung in Tora und Talmud auch eine weltliche Ausbildung haben sollten. Dieses Konzept von Tora und Derech Eretz prägt das Ausbildungskonzept des Berliner Rabbinerseminars noch heute. Lehner leitete diese Vorgaben aus dem Talmud in Pirkei Avot ab: »Setze einen Rabbiner über Dich und erwirb Dir auf diese Weise einen Freund.« Mit dem Dinner endete der Tag, der für Charlotte Knobloch einen Meilenstein in der Geschichte des Judentums bedeutet: »Er ist ein Zeichen, dass wir auch Tausende von Jahren nach der Verkündung der Gebote da sind. Im Bewusstsein einer jahrtausendealten Tradition. Die wir gepflegt und weitergegeben haben. Und die wir auch künftig pflegen und weitergeben werden.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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