Schwule und Lesben

Auf der Straße

von Wladimir Struminski

Am vergangenen Donnerstag füllte eine bunte Menschenmenge die König-David-Straße in Jerusalem. Im Herzen der Heiligen Stadt war die »Stolz- und Toleranzparade« angesagt. Mehrere Tausend Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle marschierten unter Fahnen, auf denen trotzig das Wort »Stolz« prangte. Andere hatten Aufrufe wie »Raus aus meinem Bett!« auf ihre Transparente gepinselt. Nach dem Ereignis gaben sich Vertreter des Jerusalem Open House, das den homosexuellen Stadtbewohnern einen organisatorischen Rahmen bietet und für den Aufmarsch verantwortlich zeichnete, zufrieden. Allein schon die Tatsache, dass das Ereignis in Jerusalem stattgefunden habe, sei ein Erfolg.
Erfolg? Gewiss, vor ihrem Aufmarsch hatten die Veranstalter eine ganze Reihe von Hindernissen erfolgreich überwunden. Ultraorthodoxe und rechtsextremistische Gegner hatten bis zuletzt versucht, den Marsch durch Klagen beim Obersten Gericht zu verhindern. Ihnen galt die Parade als ein Gräuel wider Gott. Vertreter des Jerusalem Open House, und für den Aufmarsch verantwortlich zeichnend, wurden von Gegnern bedroht. Im Vorfeld der Parade kam es mehrmals zu Demonstrationen und Ausschreitungen ultraorthodoxer Jerusalemer. Dass deren Ausmaß sich in Grenzen hielt, war weniger der Toleranz der Superfrommen als der taktischen Einsicht ihrer Führungsrabbiner zu verdanken. So wenig ihnen das regenbogenbunte Treiben in der Heiligen Stadt ins Konzept passte, so hatten sie doch Angst vor einer Woge der Gewalt, die den »Perversen« öffentliche Sympathien verschafft hätten. Auch wollten sie nicht, dass das peinliche Thema Homosexualität zum Tagesgespräch unter ihren Schäfchen wird.
Ein fulminanter Triumph war der Marsch aber nicht. Unter dem Druck ihrer Gegner hatten die Veranstalter die Trasse auf gerade mal 500 Meter verkürzt. Die König-David-Straße war durch drei Sicherheitsringe abgesperrt. Falls ultraorthodoxe Demonstranten vorgehabt hatten, die Demo zu stören, mussten sie jeden Gedanken daran angesichts des überwältigenden Polizeiaufgebots von 7.000 Beamten aufgeben. Ein Fotograf, der den Fehler begangen hatte, in schwarzen Stoffhosen und einem hellen Hemd zu erscheinen, musste sich immer wieder ausweisen. Er hätte ja fromm sein können. Nicht der Regenbogen beherrschte das Farbenspektrum, sondern das Blau der regulären Polizei, das Dunkelgrün des Grenzschutzes und das martialische Schwarz der Motorradpatrouillen. Der Einsatz wurde vom Generalinspekteur der Polizei befehligt. Awi Dichter, Minister für innere Sicherheit, beobachtete den Einsatz vor Ort. Zu guter Letzt fiel die im Anschluss an den Fünfhundertmetermarsch im »Glockenpark« geplante Kundgebung aus. Wegen eines Bummelstreiks der Feuerwehr stand der von der Polizei geforderte Brandbekämpfungswagen nicht zur Verfügung. Die unter solchen Umständen übliche Bitte der Veranstalter an den Gewerkschaftsbund Hista-
drut, einen Löschzug vom Streik freizustellen, wurde von den Proletariervertretern abgeschmettert. Allem Anschein nach beugte sich die Gewerkschaftsführung dem Druck der Ultraorthodoxen. So sieht ein Jerusalemer Fest der Toleranz aus.
Jerusalem, gibt Noa Sattath, Generaldirektorin des Jerusalem Open House, zu, ist für die gleichgeschlechtlich Gesinnten ein schwieriges Pflaster. Die schwul-lesbische Gemeinschaft, so Sattath gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, könne sich in der Hauptstadt nicht in ausreichendem Maße sichtbar machen. In der von einem ultraorthodoxen Bürgermeister verwalteten, von strenggläubigen und konservativen Bewohnern geprägten Stadt – Letzteres gilt übrigens auch für das arabische Ostjerusalem – stößt der Wunsch der Regenbogengemeinde nach sozialer Integration auf enorme Hindernisse. Beispielsweise sind Aufklärungsaktionen an Schulen, so der Gründer des Open House, Jerry Levinson, nur im säkularen Erziehungswesen möglich. Dieses aber ist in der frommen Stadt eine Randerscheinung. Das säkulare und ungleich tolerantere Tel Aviv bleibt für die Jerusalemer ein unerreichtes Vorbild. Dennoch zeigt sich Sattath zuversichtlich, dass die diesjährige Parade die Jerusalemer Gemeinde gestärkt habe. »Wir haben Dutzende von Solidaritätszuschriften bekommen«, berichtet sie. Eine Briefschreiberin brachte zu Papier: »Ich habe mit Eurer Gemeinde nichts zu tun. Allerdings glaube ich, dass jeder, der Euch die Gleichstellung verweigert, ein Werteproblem hat.«
Allen Widrigkeiten zum Trotz werden die Homosexuellenrechte in Israel beständig ausgebaut. Im Januar dieses Jahres wies das Oberste Gericht das Innenministerium an, gleichgeschlechtliche Ehepaare als verheiratet anzuerkennen – auch wenn die homosexuellen Trauungen nur im Ausland vorgenommen werden können. Ausländische Lebensgefährten homosexueller Israelis genießen das Zuzugsrecht. Homosexuelle Soldaten müssen sich in der Armee zwar manchmal Beleidigungen von Kameraden anhören, dürfen aber in allen Einheiten dienen.
An solchen Fortschritten ändert der Widerstand ultraorthodoxer Kreise nichts. Dementsprechend aggressiv reagieren diese. Kürzlich wünschte Industrieminister und Vorsitzender der Schas-Partei, Eli Jischai, Homosexuellen »baldige Genesung«, während sein Fraktionskollege Nissim Seew die Gründung eines Therapieheims für gleichgeschlechtlich Gesinnte forderte. Von solchen Anfeindungen lassen sich die Aktivisten der schwul-lesbischen Gemeinde nicht weiter stören. So kündigte das Jerusalem Open House jetzt schon an: Die Jerusalemer Pride Parade findet auch 2008 statt.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026