Schachtheorie

»Arischer Angriff« und »jüdisches Remis«

von Martin Krauß

Alexander Aljechin war Schachweltmeister. Von 1937 bis 1946 dominierte der nach Frankreich emigrierte Russe das Spiel, und auch noch heute gilt er als Schachgenie. Im Jahr 1941 veröffentlichte Aljechin in der deutschsprachigen »Pariser Zeitung« eine Aufsatzserie, die bald auch im britischen Magazin »Chess« oder in der »Deutschen Schachzeitung« nachgedruckt wurde: »Jüdisches und arisches Schach. Eine psychologische Studie, die – gegründet auf die Erfahrungen am schwarz‐weißen Brett – den jüdischen Mangel an Mut und Gestaltungskraft nachweist.«
Dort beschimpfte Aljechin Emanuel Lasker, einen deutschen Juden, Weltmeister von 1894 bis 1921, der 1933 in die USA floh. Laskers Tod 1941 wurde von Aljechin bejubelt: »Ist es zu viel der Hoffnung, dass mit dem Tod von Lasker, dem zweiten und hoffentlich letzten jüdischen Schachweltmeister, das arische Schach (hierzulande bislang pervertiert durch die defensiven jüdischen Ideen), seinen Weg finden wird, Weltschach zu werden?«
Nach 1945 bestritt Aljechin, der Autor dieser Artikelreihe gewesen zu sein; sein guter Name sei benutzt worden, hieß es. Freunde und Verehrer kolportierten, man – wer immer »man« gewesen sein könnte – habe ihn gezwungen, diese Artikel zu schreiben; er sei mithin zwar Urheber des Machwerks, aber nicht verantwortlich. In allen Darstellungen blieb jedoch offen, ob die Veröffentlichung inhaltlich von Aljechin gebilligt wurde. Im Jahr 1946 starb er in Estoril (Portugal).
Was ihm »jüdisches Schach« ist, beantwortet Aljechin so: »1. Materieller Profit um jeden Preis; 2. Opportunismus – und zwar ein bis zum höchsten Punkt getriebener Opportunismus mit dem Ziel, jeden Schatten einer möglichen Gefahr zu beseitigen und so die Idee zu verdecken (wenn man überhaupt von ›Idee‹ sprechen kann), die man nur ›Defensive‹ an und für sich nennen kann. Was die Möglichkeiten in der Zukunft angeht, so hat das Jüdische Schach sein eigenes Grab geschaufelt, in dem es diese ›Idee‹ entwickelte, die nämlich nie etwas anderes bedeuten kann als Selbstmord.«
Aljechin war nicht der Erste, der sich an antisemitischer Schachtheorie versuchte. Maßgeblich an ihrer Entwicklung beteiligt war der Österreicher Franz Gutmayer (1857 bis 1937). Zum Großmeister brachte es der Wiener zwar nicht, aber er galt in seiner Zeit als guter Spieler. »Es sind lauter Judasse, die für ein paar Silberlinge, das heißt für einen Bauern diese verraten, verkaufen, ausliefern«, schrieb Gutmayer über jüdische Spitzenspieler wie Emanuel Lasker und Akiba Rubinstein.
Gutmayers Buch Der Weg zur Meisterschaft (1898) verkaufte sich gut, und auch andere Titel wie Das unbedingte Torpedo im Schachkrieg (1916), Die große Offensive am Schachbrett (1916) und Optik im Schach oder: Der militärische Blick (1917) zeitigten Wirkung. Der österreichische Schachautor Ernst Strouhal schreibt über Gutmayer, er habe »Einfluss auf eine breite Anzahl von Amateuren gehabt, von denen er zum Teil wie ein Prophet verehrt wurde. Gutmayers Stil war deftig, seine Weltsicht war einfach. Die hohen Ideale der Kunst des Schachspiels waren in der modernen, von Juden beherrschten Welt verkommen. Er selbst war ihr Retter und zugleich Märtyrer.«
Gegenüber den von ihm so verhassten »schmutzigen Schacherjuden« gab sich Gutmayer angemessen arrogant: »Aber zu den Geldmenschen, zu dieser übel riechenden Rasse rede ich nicht.« Gutmayer unterschied einen mutigen arischen Schachstil von einem feigen jüdischen. War der erste angeblich auf eine heldenhafte, antitheoretische, intuitive Zerschlagung des gegnerischen Spiels aus, lebte der angeblich jüdische Stil von der Kalkulation, er verharrte in der Defensive und zog ein Remis dem Sieg oder der Niederlage vor.
So unterschied Gutmayer zwei Spielstile: »Der erste: Wille zur Macht und Übermacht mit der Tendenz, das feindliche Spiel zu zerschlagen. Der andere: Wille zum koscheren Geschäft mit der Tendenz, jedenfalls sicherzugehen. Kein Risiko, lieber zehnmal ein ekelhaft feiges Remis. Daher nur machen, was man genau sieht. Horizont: die eigene krumme Nase. Perspektive: ein fettes Honorar.«
Der Weltmeister Aljechin war Gutmayers berühmtester Epigone, aber nicht der einzige. Emil J. Diemer, badischer Meister, der als Mitschöpfer des Blackmar‐Diemer‐Gambits gilt, entwickelte in seinem 1943 erschienenen Buch Schach – Kampf und Kunst die Idee eines »deutschen Kampf‐Schachs«.
Ein Problem stellte sich den antisemitischen Schachtheoretikern bei ihrem Versuch, die Schachgeschichte zu arisieren. Viele Welt‐ und Großmeister waren Juden. Das Kleine Lehrbuch des Schachspiels von Jean Dufresne (1829 bis 1893) und Jacques Mieses (1865 bis 1954) aus dem Reclam‐Verlag wurde in der 15. Auflage, die 1941 erschien, von dem deutschen Schachautor Max Blümich (1886 bis 1942) bis zur Unkenntlichkeit verändert. Mieses, ein Leipziger Jude, wurde aus dem Titel genommen. Der Berliner Jean Dufresne war zwar auch ein deutscher Jude, aber die Nazis hielten ihn aufgrund seines Namens für einen Franzosen. Im Register des Lehrbuchs wurden alle Großmeister, von denen Blümich vermutete, sie seien Juden, gestrichen; nur noch ausgewählte Weltmeisterschaftskämpfe wurden notiert. Eröffnungen und Varianten, die die Namen ihrer oft jüdischen Erfinder trugen, benannte Blümich neu, und von den in dem Buch versammelten Beispielpartien wählte Blümich fast ausnahmslos solche Spiele aus, die jüdische Großmeister verloren hatten.
Das Wirken der Aljechins, Gutmayers und Dieners verhinderte nicht, dass fast die Hälfte der bisherigen Schachweltmeister Juden waren. In dieser Reihe findet sich auch ein Genie wie der Amerikaner Bobby Fischer, den man getrost als jüdischen Antisemiten bezeichnen kann.

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