Autonomie

»Anstiftung zum Lügen«

Herr Meyer, Sie haben gemeinsam mit dem Arbeitsrechtler Klaus Adomeit eine Publikation verfasst, die sich mit der Be-
drohung des Rechts auf Selbstbestimmung jüdischer Gemeinden in Deutschland durch das Allgemeine Geichbehandlungsgesetz beschäftigt. Ist die Selbstbe-
stimmung in Gefahr?
meyer: Ich bin der Meinung, dass aktuell nicht nur Religionsgemeinschaften, sondern jeder einzelne Bürger durch die europäische Rechtsprechung in der Selbstbestimmung immer mehr eingeschränkt werden. Das lässt sich am Konsumentenschutz festmachen. Und es betrifft auch das Arbeitsrecht, in dem der Gleichbehandlungsgedanke immer stärker Berücksichtigung finden soll. Diese Rechtsauffassung ist eine Anstiftung zum Lügen. Denn der Arbeitgeber muss die Unwahrheit sagen, wenn er Bewerber ablehnt, die er nicht haben will.

Sie beziehen sich auf den Fall einer Muslima, der im vergangenen Jahr Schadensersatz zugesprochen wurde, nachdem das Diakonische Werk ihre Bewerbung nicht berücksichtigt hatte. Warum nennen Sie diese Entscheidung des Hamburger Arbeitsgerichts religionsfeindlich?
meyer: Diese Rechtsprechung steht unserer Meinung nach im Widerspruch zum Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung, der auch im Grundgesetz Eingang gefunden hat. Damit sollte die Autonomie der Religionsgemeinschaften gesichert werden.

Gibt oder gab es vergleichbare Fälle in jüdischen Gemeinden?
meyer: Ich kenne bisher keine vergleichbaren Klageverfahren.

Warum sind Sie dennoch der Meinung, dass diese Frage besonders die jüdischen Gemeinden betrifft?
meyer: Weil wir eine anormale Situation haben. Nehmen wir das Beispiel Berlin: Als vor der Schoa noch 180.000 Juden in der Stadt lebten, konnte jede Stelle in den Gemeindeeinrichtungen mit jüdischen Bewerbern besetzt werden. Das geht heute – zum Beispiel in Schulen oder dem Jüdischen Krankenhaus – nicht mehr. Also entscheidet sich der Arbeitgeber im Einzelfall auch für nichtjüdische Bewerber. Doch hier geht es um die grundsätzliche Frage. Und in diesem Sinne ist die Hamburger Entscheidung religionsfeindlich, weil ein Arbeitsgericht Einfluss auf die Entscheidung eines sogenannten Tendenzbetriebes, eines einer Glaubengemeinschaft zugeordneten Betriebes, nimmt. Zudem sind unsere Gemeinden aus verschiedenen Gründen besonders schutzbedürftig.

Was sind das für Gründe?
meyer: Es gibt historische Gründe, aber auch die aktuelle Sicherheitslage. Einige Rechtskommentatoren sprechen den Religionsgemeinschaften Autonomie nur bei der Besetzung wichtiger Posten zu, wenn es zum Beispiel um den »verkündungsnahen Bereich« geht. Doch bei uns gibt es keine unwichtigen Stellen. Auch eine Putzfrau kann sicherheitsrelevant sein.

Sie meinen, die Hamburger Entscheidung lasse eine Fehlentwicklung befürchten. Wird dieses Problem von der jüdischen Gemeinschaft unterschätzt?
meyer: Offensichtlich, denn schon bei der Gesetzgebung waren wir zurückhaltend. Die jüdische Gemeinschaft hätte sich eher zu Wort melden sollen. Und das hätte sie nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen schutzwürdigen Gemeinschaften tun sollen.

Mit dem Rechtsanwalt und ehemaligen Berliner Gemeindevorsitzenden sprach Detlef David Kauschke.

Klaus Adomeit und Albert Meyer: »Die Jüdischen Gemeinden in Deutschland und die Bedrohung ihres Rechts auf Selbstbestimmung durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)«, Hentrich & Hentrich, Teetz/Berlin, 2008, ISBN 978-3-938485-86-6

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026

Erinnerung - 20 Jahre ohne Paul Spiegel

Zum 20. Todestag von Paul Spiegel

Als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland stand er für Dialog, Klarheit und Verantwortung. Ein Video erinnert an sein Vermächtnis – und daran, warum seine Stimme heute fehlt.

von Jan Feldmann  30.04.2026

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026