Erlebnisse

Anne Frank und die reichen Juden

Anne Frank und die reichen Juden

Erlebnisse in einer Gedenkausstellung

von Lea Fleischmann

In Leer bin ich im Hotel Frisia am Bahnhofsring untergebracht. In der Nähe des Bahnhofs befindet sich das Zollhaus, ein Kulturzentrum, in dem Konzerte und Ausstellungen stattfinden. Die Anne-Frank-Ausstellung wird dort gezeigt, und ich nutze den Nachmittag, um mir die Ausstel- lung anzusehen. (…) Ich schließe mich einer Klasse von fünfzehn- und sechzehnjährigen Jugendlichen an. Der professionelle Führer, den die Ausstellungsleitung zur Verfügung gestellt hat, ist ein junger Mann aus einem arabischen Land. Er ist charmant, gut aussehend und spricht fehlerfrei deutsch, wenn auch mit fremdländischemAkzent. Ich vermute, daß er ein Student ist und sich mit den Führungen durch die Anne-Frank-Ausstellung seinen Unterhalt aufbessert. (...) Mit den Jugendlichen geht er von Bild zu Bild und erklärt die Fotos.
»Warum haßte Hitler die Juden?«, fragt er die Schüler. Ein Junge antwortet wie aus der Pistole geschossen: »Weil sie reich waren.«»Richtig, weil sie alle reich waren. Es gibt so viele Fotos von Anne Frank, weil ihr Vater sich eine teure Kamera leisten konnte.« Das Klischee von dem reichen Juden ist anscheinend weiterhin verbreitet. Vor einem Bild, auf dem elende Gestalten im Warschauer Ghetto abgelichtet sind, stellt er die Frage: »Es gibt in Deutschland immer noch Ghettos. Wo zum Beispiel?« Er erntet verblüfftes Schweigen. »In Kreuzberg in Berlin«, sagt er daraufhin, »das ist auch ein Ghetto. Wenn man durch Kreuzberg geht, sieht man nur Ausländer und keinen Deutschen.« Daß er bei einer Anne-Frank-Ausstellung das Ghetto Warschau mit dem Türkenviertel in Berlin vergleicht, verschlägt mir die Sprache. Doch diese Verharmlosung wird sogar von dem Lehrer kommentarlos hingenommen. Keiner reagiert empört.
Wir gehen an Fotos vorbei, die die Vernichtung der Juden dokumentieren. »Die Juden wurden in den Konzentrationslagern in Gaskammern umgebracht«, erklärt er und schlägt plötzlich den Bogen zur Situation der Palästinenser im Nahen Osten: »Ich kann es nicht verstehen, daß die Juden, die so Furchtbares erlebt haben, den Palästinensern heute das Gleiche antun.« Nun kann ich nicht mehr schweigen: »Gibt es in Israel Gaskammern?«, frage ich ihn. Jetzt greift auch der Lehrer ein: »Dürfen sich die Israelis gegen den Terror nicht verteidigen?«
In diesem Moment versteht der gutaussehende junge Mann, daß er einen Fehler gemacht hat. »Ich habe es nicht so gemeint«, entschuldigt er sich.

Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem soeben erschienenen Buch:
lea fleischmann/ chaim noll: meine sprache wohnt woanders. gedanken zu deutschland und israel
Scherz, Frankfurt/M 2006, 256 S., 17,90 €

Ankara

Türkei bricht Handelsbeziehungen zu Israel ab

Der Handel der Türkei mit Israel belief sich im Jahr 2023 noch auf mehrere Milliarden US-Dollar. Nun bricht die Türkei alle Handelsbeziehungen zu Israel ab. Doch es ist nicht die einzige Maßnahme

 29.08.2025

Geburtstag

Popstar der Klassik: Geiger Itzhak Perlman wird 80

»Sesamstraße«, »Schindlers Liste« und alle großen Konzertsäle der Welt natürlich sowieso: Der Geiger gehört zu den ganz großen Stars der Klassik. Jetzt wird er 80 - und macht weiter

von Christina Horsten  29.08.2025

Bonn

Experte: Opfer mit Bewältigung von Rechtsterror nicht alleinlassen

Der erste NSU-Mord liegt beinahe 25 Jahre zurück. Angehörige der Opfer fordern mehr Aufmerksamkeit - und angemessenes Gedenken, wenn es um rechtsextreme Gewalt geht. Fachleute sehen unterschiedliche Entwicklungen

 29.08.2025

Frankfurt am Main

Michel Friedman will nicht für TikTok tanzen

Es handle sich um eine Plattform, die primär Propaganda und Lügen verbreite, sagt der Publizist

 28.08.2025

Geburtstag

Holocaust-Überlebende Renate Aris wird 90

Aris war lange stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz und Präsidiumsmitglied des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. 1999 gründete sie den ersten jüdischen Frauenverein in den ostdeutschen Bundesländern

 25.08.2025

Nahost

Alabali Radovan besucht Palästinensergebiete: Hilfe im Fokus

Die Entwicklungsministerin will in Tel Aviv diese Woche Angehörige von Geiseln treffen und das Westjordanland besuchen

 25.08.2025

Würzburg

AfD-Mann Halemba wegen Volksverhetzung vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft wirft dem bayerischen AfD-Landtagsabgeordneten Halemba auch Geldwäsche und Nötigung vor

von Angelika Resenhoeft, Michael Donhauser  21.08.2025

Ehrung

Ravensburger-Stiftung ehrt Bildungsstätte Anne Frank mit Preis

Es werde eine herausragende Bildungsinitiative gewürdigt, teilte die Stiftung mit

 20.08.2025

Athen

Israelische Firma übernimmt griechischen Rüstungsbauer

Griechenlands größter Hersteller von Militärfahrzeugen ist nun komplett in israelischer Hand. Die strategische Zusammenarbeit im Verteidigungssektor wird damit weiter vertieft

 20.08.2025