Sevilla

Andalusisches Andenken

von Uwe Scheele

Pietätlos ist wohl der richtige Ausdruck. In einer düsteren Ecke des Parkhauses Cano y Cueto unter dem alten jüdischen Viertel Santa Cruz in Sevilla befindet sich direkt neben den stehenden Autos ein Grabmal in Gewölbeform. Hinter der Glasscheibe ist es kaum zu erkennen, denn die Beleuchtung ist gerade ausgefallen. Eine Tafel daneben erklärt, dass es die Überreste des jüdischen Friedhofs sind, der sich hier am Tor zum Judenviertel vom 13. bis 15. Jahrhundert befand. Mehr als dieses eine Grabmal wollten die Stadtverantwortlichen offensichtlich nicht erhalten, der Rest lagert im Keller des archäologischen Museums.
In Andalusiens Hauptstadt setzt man lieber auf romantische Nachbauten. Mit seinen schmalen, verwinkelten, teilweise überbauten Gassen und den strahlend weißen Häusern vermittelt das Barrio Santa Cruz direkt neben dem Alcázar-Palast zwar einen Eindruck von der mittelalterlichen Innenstadt und ist eine der touristischen Attraktionen Sevillas, authentische Spuren jüdischen Lebens sucht man hier aber vergebens. Lediglich die Straßennamen erinnern an die sefardische Vergangenheit: Judíos, Levíes, Agua, Doncella, Vida hießen die Gassen schon im 13. Jahrhundert, als etwa 5.000 Juden in der Stadt wohnten, rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. »Das islamische Al-Andalus war die eigentliche Blütezeit der Juden in Sevilla. Die kleinen Kaufleute waren hauptsächlich Juden«, erklärt Sebastián de la Obra, Leiter der Casa de Sefarad in Córdoba. Seine Familie besitzt die größte private Sammlung zur sefardischen Geschichte in Spanien, allein die Bibliothek umfasst 12.000 Titel.
Die jüdische Gemeinde Sevillas lebte über Jahrhunderte in einer offenen Stadt, erst mit der Eroberung durch die Christen entstand das Ghetto. Ein kleiner, schäbiger Rest der Mauer um das Judenviertel ist noch erhalten. Von den vier Synagogen der Stadt wurden zwei in Kirchen umgewandelt: San Bartolomé und Santa María la Blanca. »Der Pfarrer von Santa María la Blanca behauptet, es gebe keine Spuren der jüdischen Epoche. Aber die ganze Struktur der Synagoge ist erhalten, auch im Boden sind Reste aus der jüdischen Zeit gefunden worden«, weiß de la Obra. Er hat eine interessante Entdeckung gemacht: »Im Keller des gegenüber liegenden Restaurants El Cordobés befindet sich die Mikwe. Sie wird jetzt als Weinkeller genutzt.«
Zwar gibt es heute in der Stadt wieder eine kleine jüdische Gemeinde mit 80 Mitgliedern, doch die große Blüte jüdischen Lebens in Sevilla liegt lange zurück. Während König Ferdinand III. nach der Eroberung von Sevilla 1248 die Religionsfreiheit respektierte und sein Epitaph in der Kathedrale von Sevilla in lateinischer, spanischer, arabischer und hebräischer Sprache verfasst ist, war es gut 100 Jahre danach mit der Toleranz vorbei: Im Juni 1391 kam es in Sevilla zum ersten blutigen Pogrom. Die Gemeinde erholte sich nie wieder davon. Schon bevor die Katholischen Könige 1492 das Vertreibungsedikt gegen die Juden erließen, gab es in Sevilla kaum mehr jüdische Familien. Erst 400 Jahre später siedelten sich die ersten Juden wieder in der Stadt an.
An die kulturelle Vielfalt und Toleranz des islamischen Al-Andalus knüpft seit zehn Jahren die andalusisch-marokkanische Stiftung der drei Kulturen an. Mit einem umfangreichen Kulturprogramm will die Stiftung den Austausch zwischen den Völkern und Kulturen des Mittelmeerraums fördern. Dem Projekt haben sich auch das Peres-Zentrum für Frieden, die palästinensische Autonomiebehörde und herausragende Persönlichkeiten und Institutionen aus Israel angeschlossen. »In den unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen werden auch die Gemeinsamkeiten deutlich«, sagt der Leiter der Stiftung, Enrique Ojeda. »Das erleichtert den Dialog.«
So hat die Stiftung einen »Chor der drei Kulturen« ins Leben gerufen, der je zur Hälfte aus jungen Spaniern und Marokkanern besteht. Der Chor gibt mit seinem Repertoire in arabischer, hebräischer und lateinischer Sprache Konzerte in Marokko und Andalusien. Im vergangenen Jahr hat beim Konzert in Essaouira ein Rabbiner ein sefardisches Lied vorgetragen – eine Sensation in der arabischen Welt. Auch die Barenboim-Said-Stiftung, ein weiteres Musikprojekt zur Friedenserziehung, ist vor vier Jahren aus der Stiftung der drei Kulturen hervorgegangen.
Ihren Sitz hat die Stiftung im prächtigen Marokko-Pavillon auf dem Weltausstellungsgelände von 1992. Im Auditorium finden Musikveranstaltungen und Filmvorführungen statt. Der mit Mosaikkacheln und Stuckarbeiten ausgekleidete Innenhof mit seinem zentralen Brunnen wird für Kongresse und Tagungen genutzt. In der Bibliothek können arabische und israelische DVDs in Originalversion ausgeliehen werden. Neben Arabisch kann man hier auch Hebräisch lernen.
Die Stiftung beschränkt sich bei ihren Veranstaltungen nicht auf Sevilla, sondern ist auch sehr aktiv in Marokko, Israel und anderen Teilen der Welt. Hauptanliegen ist es, die sefardische Kultur im mittelalterlichen Spanien bekannt zu machen und das friedliche Zusammenleben der drei Kulturen zu fördern. In Berlin beteiligte sich die Stiftung kürzlich an der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nazis, diese Woche findet im Cervantes-Institut eine Tagung zur Rolle der Bibliotheken beim kulturellen Dialog statt, an der auch der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo teilnimmt. »Wir sind stolz darauf, dass sich der Dialog der Kulturen und Religionen durchgesetzt hat«, erklärt Enrique Ojeda rückblickend auf die ersten zehn Jahre seiner Stiftung.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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