Ohel Jitzchak

Altneuschul

von Wladimir Struminski

An der Westmauer herrscht Hochbetrieb: Dutzende von Bar- und Batmizwa-Feiern werden an diesem Tag abgehalten. Vor der Sicherheitskontrolle steht eine ungeduldige Menschenmenge. Wer zur Kotel vordringen will, muss zermürbende Wartezeiten in Kauf nehmen. Durch den bogen-
förmigen Tunnel, der vom Mauervorplatz nach Norden führt, geht es ins muslimische Viertel der Altstadt. Gegenüber ei-
nem arabischen Souvenirladen führt die Treppe in ein in jüdischer Trägerschaft erworbene, unauffälliges Haus. Auf halber Etage wird gebaut; »Sakana« (Hebr.: Gefahr) verkündet das Baustellenschild. Einen Treppenlauf höher betritt der Besucher die kurz vor den Sukkot-Feiertagen nach sieben Jahrzehnten wieder eingeweihte Ohel-Jitzchak-Synagoge und damit eines der schönsten und geschichtsträchtigsten Gotteshäuser Jerusalems.
Das Herbstlicht, das durch die hohen Bogenfenster ins Innere strömt, lässt die noch frischen Farben in sanftem Glanz erstrahlen. Die Bima ist von einer kunstvoll geschmiedeten Eisenlaube umgeben. Die hohe Kuppel schafft optisch viel Raum, obwohl Ohel Jitzchak nicht groß ist: Auf den hölzernen, im Umkreis des Lesepultes angeordneten Holzbänken können sich 100 Beter niederlassen. Die Frauenempore bietet 40 Sitzplätze. Der Toraschrein wird von einem bordeauxfarbenen Vorhang verhüllt. Inmitten des Altstadtlärms ist das Gebetshaus eine Oase der Einkehr. Zu-
gleich ist Ohel Jitzchak die dem Tempelberg am nächsten gelegene Synagoge der Welt und in Luftlinie nur 80 Meter von der Westmauer entfernt. Auch das macht sie zu einer Besonderheit.
Das Gebäude, in dem Ohel Jitzchak untergebracht ist, wurde bereits 1867 von den »Ungarin« – der Gemeinde jüdischer Einwanderer aus Ungarn – erworben. Das Haus diente als Sitz einer Jeschiwa. Ab 1891 beherbergte es auch zwei Synagogen: die chassidische Beit Jitzchak und die litauische Ohel Jitzchak. Beide Gotteshäuser wurden nach dem Geschäftsmann und Belzer Chassid, Rabbiner Jitzchak Ratsdorfer benannt, der ihre Errichtung finanziert hatte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert lebten zwischen der Westmauer und dem Damaskus-Tor, also auf dem Gebiet des heutigen muslimischen Viertels rund 5.000 Juden. Waren die Wohnverhältnisse noch so beengt, so war die Gegend doch ein führendes Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. In diese Landschaft fügte sich auch das »Ungarin-Haus« nahtlos ein. 1938 jedoch wurde die Synagoge unter dem Druck arabischer Übergriffe aufgegeben. Nach der im Gefolge des Unabhängigkeitskrieges erfolgten Annexion Ostjerusalems durch Jordanien, wurde das Haus geplündert und verwüstet und konnte erst nach dem Sechstagekrieg seinen ursprünglichen Besitzern zurückgegeben werden. Vor anderthalb Jahrzehnten wurde das Gebäude von dem amerikanischen Spender Irving Moskowitz erworben und mithilfe der israelischen Antiquitätenbehörde archäologisch erforscht. Anschließend folgte anhand alter Fotos die originalgetreue Restaurierung von Ohel Jitzchak.
Für manche Israelis ist der Name Irving Moskowitz ein rotes Tuch. Der Aktivist aus den USA hat sich einen Namen durch den Aufkauf von Häusern in Ostjerusalem und ihre Besiedlung mit Juden gemacht. Auf der Rechten wird er dafür verehrt, auf der Linken oft als gefährlicher Provokateur verurteilt.
Indessen betonte Jerusalems Bürgermeister Uri Lupolianski, dass es sich in diesem Fall um keine Neuansiedlung, sondern um die Wiederherstellung einer alten Tradition und die Erneuerung einer der drei wichtigsten Jerusalemer Synagogen aus der vorstaatlichen Ära handele. Das konnte der ehemalige Knessetabgeordnete und Politiker der ultraorthodoxen Agudat Israel, Rabbiner Menachem Porusch – sein Sohn kandidiert bei der anstehenden Kommunalwahl für das Jerusalemer Bürgermeisteramt – bestätigen. Der heute 92-jährige Porusch Senior gehört zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die vor 1938 im »Ungarin-Haus« gebetet haben. Umgekehrt weist Shmuel Rabinowitz, Rabbiner der Westmauer, unter dessen Ägide die altneue Synagoge entstand, die von muslimischer Seite kommenden Anschuldigungen als böswillige Propaganda zurück. Denn dort wird behauptet, die Wiedereinweihung der Synagoge bedrohe die auf dem Tempelberg stehende Al-Aksa-Moschee.
Derweil finden in Ohel Jitzchak drei tägliche Gebete statt. Die meisten Gläubigen, die an den drei täglichen Gebeten teilnehmen, kommen aus der Altstadt Jerusalems. Allerdings, so Rabinowitz gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, steht die Synagoge allen Betern offen. Die von Rabinowitz geleitete Stiftung für das Erbe der Westmauer will in dem alten Gebäude auch ein Besucher- und Ausstellungszentrum errichten. Dieses soll die Verbindung des jüdischen Volkes zu seinen geistigen und religiösen Wurzeln hervorheben – von der Zeit bis zum heutigen Tag.

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