Unterstützung

Alt, arm, allein

von Grant Slater

Der Dollar zwingt den 81-jährigen Shelesniak, der früher als Metallurge arbeitete, sich mit »Weiberkram« abzuplagen, wie er es nennt: Staubwischen und Kochen. »Ich verbringe viel Zeit damit«, sagt er. Vor drei Jahren lag Shelesniaks Frau im Sterben. Eine vom American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) finanzierte häusliche Pflegekraft kam zweimal die Woche, um sie zu waschen, die wundgelegenen Stellen zu versorgen, die Wohnung zu putzen und zu kochen. Nach dem Tod seiner Frau kam die Pflegerin weiter, bis der weltweite wirtschaftliche Druck das JDC dazu zwang, die Unterstützung von »weniger Bedürftigen« in der ehemaligen Sowjetunion zu begrenzen. Vor sechs Monaten musste Shelesniak lernen, für sich selbst zu sorgen.
Von allen Regionen, in denen das JDC tätig ist, gehören die Länder der ehemaligen Sowjetunion zu den am schwersten betroffenen; die Gründe sind laut JDC-Funktionären der schwächelnde Dollar zusammen mit der Inflation in einer erstarkenden russischen Volkswirtschaft. Rund 32.000 Senioren wie Shelesniak sind seit 2006 aus dem vom JDC betreuten Personenkreis gefallen. Damals erreichte die Anzahl der Unterstützungsempfänger den Spitzenwert von 220.000.
Organisationen wie das JDC hängen von Spenden und Entschädigungsgeldern ab, die in US-Dollar ausgeschüttet, verplant und vergeben werden. Der Großteil des Geldes wird ins Ausland gesendet, wo es in der Landeswährung und unter den vor Ort herrschenden Marktbedingungen ausgegeben wird. Während die beiden US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain sich streiten, wie der US-Volkswirtschaft am besten zu helfen sei, setzt der Dollar seine seit drei Jahren andauernde Talfahrt gegenüber anderen Währungen fort. Das führte dazu, dass sich die Kaufkraft des JDC in der ehemaligen Sowjetunion um 13 bis 20 Prozent verminderte.
Gleichzeitig wächst die russische Wirtschaft bei einem Ölpreis von 130 Dollar und mehr pro Barrel rasant, was die Voraussetzungen für zunehmenden Wohlstand, Preiserhöhungen und Inflation schafft. 2007 hatte Russland eine Inflationsrate von fast zwölf Prozent. Für dieses Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds mehr als 14 Prozent. Das bedeutet, dass das JDC-Budget von 100 Millionen US-Dollar für die ehemalige Sowjetunion, das 2007 vorausgeplant wurde, jetzt einen Wert von 80 Millionen Dollar hat. Damit sollen Pflegekräfte, Essen auf Rädern und die Leute, die das Ganze organisieren, bezahlt werden.
»Wir sahen uns gezwungen, unsere Tätigkeiten neu zu strukturieren«, erklärt Steve Schwager, stellvertretender JDC-Generaldirektor. »Wir müssen auf Dinge, die normalerweise zum Programm gehören, verzichten und Alternativen abwägen.« Vor einigen Wochen gab das JDC bekannt, es werde die Lücken im Budget schließen und weltweit 60 Mitarbeiter entlassen.
Das JDC ist nicht die einzige Organisation, die unter dem Wertverlust des Dollars leidet. Doch manche Gruppen möchten sich zu diesem Thema nicht äußern. Die von Chabad geleitete Föderation Jüdischer Gemeinden, die in der ehemaligen Sowjetunion ein engmaschiges Netz von Programmen unterhält, stützt sich auch auf eine finanzielle Basis, die zum Teil aus Dollarspenden besteht. Baruch Gorin, ein Spre- cher der Dachorganisation, spielt aber die Folgen der Dollarschwäche für die Arbeit in Russland herunter. Die Gruppe zeigt sich oft zugeknöpft, wenn es um ihre Erfolge und Fragen der Mittelbeschaffung geht.
Die ehemalige Sowjetunion ist nicht der einzige Ort, wo jüdische Organisationen vor großen Problemen stehen. Doch Russland ist das Land, wo sich der Sturm zusammenbraut und Projekte auf breiter Ebene gedrosselt werden. Neben Kürzungen bei den Sozialleistungen für Senioren hat das JDC auch Projekte zur Festigung jüdischer Identität wie Festivals und Bildungsprogramme dramatisch zurückgefahren. In Moskau wurde das Outreach-Programm, das Menschen, die sich dem Judentum entfremdet haben, für die Gemeinschaft zurückzugewinnen versucht, beträchtlich verkleinert. In Weißrussland gibt es weniger Vorschulklassen, außerdem wurden ein Nachhilfeprojekt und Musikaktivitäten gestrichen.
Überall in der ehemaligen Sowjetunion haben Vermieter und Kreditgeber begonnen, dem stärkeren Euro den Vorzug gegenüber dem Dollar zu geben. Yoni Leifer, JDC-Vertreter in Weißrussland, berichtete, eine Reihe von Sozialstationen für Senioren müsste ihre Mieten nun in Euro entrichten, was einer 50-prozentigen Steigerung gleichkommt. »Unser Budget ist in Dollar aufgestellt. Jede Wertverminderung, und sei sie noch so klein, bedeutet einen Verlust von tausenden Dollar«, so Leifer.
Trotz Bemühungen, hilfebedürftige Senioren vor den Auswirkungen der Mittelkürzungen zu schützen, bezahlen viele Ältere den Preis. Alle, die noch einigermaßen fit sind, werden als Erste von der Liste gestrichen, die von den fünf Wohlfahrtszentren im Großraum Moskau gemeinsam geführt wird. »Oberste Priorität hat für uns, solchen Menschen zu helfen, die sich selbst nicht helfen können«, sagt Alexander Kirnos, Leiter des Zentrums Jad Esra.
Die für ganz Russland geltende Einheitsrente beträgt weniger als 100 Euro im Monat. Obwohl die Renten jedes Jahr steigen, sinkt ihre Kaufkraft gemessen an der Inflationsrate – laut Regierungsangaben um circa 26 Prozent in den letzten drei Jahren.
Die Rentnerin Olga Trojtsa ist 85 Jahre alt und lebt mit Radio und dröhnendem Fernseher allein in einer Einzimmerwohnung am dritten Moskauer Autobahnring. Trojtsa hat keine Kinder. Gelegentlich besuchen sie langjährige Familienfreunde, die Lebensmittelpakete mitbringen und sich für eine halbe Stunde zu ihr setzen – etwas, das früher auch eine JDC-Pflegerin leistete. Trotz sechs Operationen und einem Metallkorsett, das sie bis auf drei Stunden in der Nacht stets tragen muss, disqualifiziert ihre Rente Olga Trojtsa vom JDC-Lebensmittelprogramm. Es gebe nur eine Methode, um durch den Tag zu kommen, sagt sie. »Ich lache darüber, weinen würde nichts nützen.«

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