Kulturkolumne

Als Phil mich fütterte

Aus der Netflix-Serie »Somebody feed Phil« (hier: Rio de Janeiro) Foto: picture alliance / Everett Collection

Am Ende dieses »Shkoyach!« werden Sie lächeln. Versprochen! Und womöglich werden Sie hungrig sein. So erging es jedenfalls mir, als der beste aller Ehemänner mich am Abend eines besonders lacharmen Tages ausführte. Wir hatten den perfekten Ecktisch ergattert in einem Berliner Comedy-Club nach amerikanischem Vorbild, wenn auch mit deutschem Service.

Und gerade, als die Dann-eben-Pinot-Entspannung einsetzte, kam jemand auf die Bühne, den ich verehre, weil er so sehr Mensch ist, dass auch die größten Zyniker seiner welpenhaften Großherzigkeit erliegen, und der eigentlich niemals einen Fuß auf deutschen Boden setzen wollte: Philip Rosenthal, genannt Phil.

Der Mann, der die Arglosigkeit zum Beruf gemacht hat, ist eines dieser beeindruckenden Entertainment-Talente, die New York regelmäßig gebiert. Der Drehbuchautor und Produzent war 1996 mit Everybody loves Raymond (Stellen Sie sich Seinfeld ohne Zynismus vor) auf TV-Serien-Gold gestoßen und buddelt derzeit mit der Netflix-Reihe Somebody feed Phil (Anthony Bourdain für Ängstliche) weiter. Phil hat damit die jüdischste unter den Food-Shows geschaffen, und das, obwohl er besonders gern Schwein und Schalentiere isst. Während er seine Zuschauer mit größtmöglicher Begeisterung dazu einlädt, sich mit ihm um den Globus zu essen, stand Deutschland aus guten Gründen nie auf dem Reiseplan.

»Ich habe keine Zeit für das Negative«, sagt Phil Rosenthal.

Phil ist Sohn von Schoa-Überlebenden. Helen wurde 1933 in Hamburg geboren, Max 1926 in Berlin. Sein Großvater, dessen Namen er weiterträgt, war Philipp Auerbach, der im Nachkriegsdeutschland das Entschädigungsgesetz für die Verfolgten der Nazis mit auf den Weg brachte, bevor deutsche Behörden ihn in einen Betrugsprozess verwickelten, an dessen Ende er sich das Leben nahm. 1954 wurde er rehabilitiert.

Dass es Phil überhaupt gibt, ist dem Umstand zu verdanken, dass Max Helen zum Lachen brachte, als sie ihn das erste Mal sah, im damals noch sicheren Hafen Amerika. »Ich verbeuge mich vor meinen Eltern«, sind Phils erste Worte an diesem Abend. Für alle Ewigkeit sei er seinen Eltern dankbar, dass sie nach all dem Hass, den sie ertragen mussten, zu den gütigen, witzigen Menschen wurden, die sie waren. Er nimmt sich den Moment ganz, aber öffnet nach dieser Umarmung seiner Familie und seines Volkes die Arme übergangslos fürs Publikum.

Ein gemeinsames Mahl könne jeden Streit beenden

Die Anekdoten über die katastrophal-schlechte Küche seiner Mutter, die Hassliebe zu seinem Bruder und die eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten sorgen für Lachsalven und enden immer mit dem Hinweis, dass Neugierde und Ausprobieren einfach das Beste für die Menschheit seien, so der Mann, der am liebsten mit möglichst netten Menschen möglichst viel isst. Ein gemeinsames Mahl könne jeden Streit beenden, weil man etwas teile. Natürlich sei es kein Allheilmittel, aber ein Weg. »Das Essen ist die Verbindung, das Lachen der Zement«, so sein Credo. »Lassen Sie uns Freundlichkeit in die Welt tragen!«, frohlockt Phil, und es scheint plötzlich ganz einfach.

Sollten Sie Somebody feed Phil noch nicht kennen, wird es Zeit, denn wenn Phil auf seine Reisen von Helsinki über Tel Aviv nach Südafrika wegen eines Sandwichs vor lauter Genuss anfängt zu tanzen oder auch mal vor Freude über besonders zartschmelzende Schokolade weint, ist das Gute möglich. »Ich habe keine Zeit für das Negative«, sagt er und liefert seine Formel: Zehn Prozent der Welt seien schlecht, 90 wunderbar, wie der 65-Jährige in jeder Episode beweist. Die zehn Prozent seien nur besonders auffällig. Das ist der Augenblick, in dem ich begreife, dass nicht die Welt Phil füttert, sondern Phil uns! Und heute sogar in Berlin. Was gibt es als Nachtisch?

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