Mehrreligionenhaus

Alle unter einem Dach

von Christine Schmitt

Was für andere nur ein leer stehender Ge-
bäudekomplex mit teilweise verklebten Fenstern und Graffitis auf der Fassade ist, ist für Avitall Gerstetter ein historisches Ensemble mit viel Zukunft. Vor dem geis-tigen Auge der Kantorin erscheint die Au-
guststraße 11-16 in Berlin-Mitte schon in-
standgesetzt und voller Leben, mit völlig neuer Nutzung: »An diesem traditionsreichen jüdischen Ort würden wir gerne un-
ser Mehrreligionenhaus verwirklichen«, sagt sie. In der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule sollen Akademie, Cafeteria, ein jüdisches Theater und Design-Museum so-
wie der Empfang untergebracht werden. Die Ausstellung zur Geschichte des Ortes würde im Torbogenhaus installiert werden und im Ahawah-Gebäude, dem früheren Kinderheim, ist der Wohnbereich geplant.
Eigentümer des Komplexes ist die Jüdische Gemeinde. In der vergangenen Wo-che hat Gerstetter dem Gemeindevorstand ihr Konzept vorgestellt. In den kommenden Tagen soll dort über die Zukunft des Ensembles beraten werden. Denn nicht nur die Initiatorin des Mehrreligionenhauses hat ihr Interesse an dem Objekt ge-
zeigt, auch der amerikanische Millionär Ronald S. Lauder habe sich kürzlich das 12.000 Quadratmeter große Anwesen an-
geschaut und sei begeistert gewesen, sagt Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Aber bisher habe er sich nicht wieder gemeldet, räumt sie ein.
»Es gibt mehrere Vorschläge, was mit dem Objekt passieren könnte«, bestätigt Jochen Palenker, stellvertretender Vorsitzender und Finanzdezernent. Eines stehe schon fest, bevor sich der Vorstand entscheidet: Es soll eine jüdische Nutzung ge-
ben, so Palenker. Als Favorit gilt derzeit das Mehrreligionenhaus, dessen Konzept auch von der Vorsitzenden bereits gelobt wurde.
Offen ist die Finanzierung. »Es ist ein wunderschönes Gemäuer, die Gegend wunderbar, es stimmt hier alles. Aber es muss viel gemacht werden. Bis wir dort auch nur einen Stuhl reinstellen könnten, bräuchten wir wahrscheinlich zehn Millionen Euro«, meint Lala Süsskind. Womöglich belaufen sich die Instandsetzungskos-ten sogar auf mehr als zwölf Millionen. Geplant sei, dass der zukünftige Nutzer die Sanierung finanziere, anschließend dort mietfrei einziehen könne, so Palenker. Derzeit ist die Gemeinde zur Zwangssanierung vom Berliner Senat verpflichtet. Damit das unter Denkmalschutz stehende Gebäude des Kinderheims nicht verfällt, musste im vergangenen Herbst mit der Dachinstandsetzung begonnen werden.
»Wir haben ein stimmiges Konzept. Auch die Finanzierung steht«, versichert Avitall Gerstetter. Alle drei Gebäude würden unter dem Namen »Ahawah« zu ei-
nem Ort werden, an dem Juden, Christen, Buddhisten, Muslime und andere Religionen in Gruppen zusammen studieren und leben sowie gemeinsam ganz unterschiedliche Projekte erarbeiten könnten, so die Kantorin. »Ahawah« soll eine Einrichtung für junge Menschen aus allen Kulturkreisen der Welt sein. Die verschiedenen Fakultäten müssen den Studenten religiöse und philosophische Workshops, aber auch Unterstützung für eigene Projekte in Bereichen wie Fotografie, bildende Kunst, Theater, Tanz oder Musik anbieten. In der ehemaligen Mädchenschule soll das Design-Museum mit wechselnden Ausstellungen »eine lebendige Brücke« zu den zahlreichen Galerien für zeitgenössische Kunst in der Auguststraße und anderen angrenzenden Straßenzügen bilden, meint Gerstetter. Das Design-Museum würde durch zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland den Gedanken des offenen Hauses fördern und entspräche auch dem Geist der künstlerischen Arbeiten in den zahlreichen Ateliers, Schulungs- und Übungsräumen der Akademie. Zur Belebung soll zudem ein kleines Theater beitragen, auf dessen Bühne klassische, traditionelle und zeitgenössische jüdische Stücke aufgeführt werden könnten. Für das Torbogenhaus sei eine Ausstellung geplant, die an die wechselvolle Geschichte des Hauses und des jüdisch geprägten ehemaligen Scheunenviertels erinnert. Das ganze Haus soll zu einem »Ort einer in die Zukunft gerichteten Erinnerung« werden, so Avitall Gerstetter, die von der Bundesregierung im Mai 2007 mit dem Titel »Botschafterin der Toleranz« ausgezeichnet worden war. »Wenn wir nicht den Zuschlag für das Ge-
bäudeensemble bekommen, dann werden wir uns einen anderen Ort suchen.« Das Mehrreligionenhaus wird es auf jeden Fall bald geben, verspricht sie.

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