Gräberfunde

Alle Bagger stehen still

Alle Bagger stehen
still

Mainz: Villenbau wegen Gräberfunden gestoppt

von Lisa Borgemeister

Das Bauvorhaben an der Mainzer Fritz-Kohl-Straße ist gestorben. Nachdem Bauarbeiter im August auf dem ehemals städtischen Grundstück auf Fragmente mittel- alterlicher Gräber gestoßen waren, stehen alle Bagger still (vgl. Jüdische Allgemeine vom 20. September). Fachleute bestätigten schnell: Bei dem Fund handelt es sich um Reste eines bis 1438 genutzten Teils des angrenzenden jüdischen Friedhofs. Die ältesten der 26 teils komplett erhaltenen Grabsteine stammen aus dem 11. Jahrhundert.
Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD) schrieb in der vergangenen Woche an den Oberbürgermeister zu den Funden: »Nach den Gesetzen der jüdischen Religion hat jegliche Bebauung des als jüdischer Friedhof erkannten Areals zu unterbleiben.« Eine Umbettung sei mit den Bestimmungen des Religionsgesetzes auf keinen Fall vereinbar. Auch eine Überdeckelung, auf der dann die Häuser stehen könnten, kommt nach Meinung der Rabbinerkonferenz nicht in Frage. Eine solche Konstruktion war in den 90er-Jahren zum Beispiel in Hamburg entstanden – heute befindet sich ein Einkaufszentrum über den historischen Gräbern.
Die Stadt fügt sich der Empfehlung von ORD und jüdischer Gemeinde. Das Bauvorhaben ist damit beendet. Für Mainz hat der historische Fund jetzt vor allem finanzielle Folgen. Denn die Stadt wird das Areal, das sie im November 2006 für 1,7 Millionen Euro an das Wiesbadener Unter- nehmen Wilma Wohnen Bauprojekte Süd veräußert hatte, vermutlich zurückkaufen. Zunächst gibt es Verhandlungen über einen Grundstückstausch mit dem Bauträger. Dem müssten aber auch die städtischen Gremien zustimmen. Zudem stehen weitere Schadensersatzforderungen ins Haus: Alle rund 50 Wohnungen in den geplanten sieben Villen waren bereits verkauft. Der Fund kommt die Stadt also auf jeden Fall teuer zu stehen.
Ein Opfer, das sich laut Rabbiner Netanel Teitelbaum von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz jedoch guten Gewissens in Kauf nehmen lässt: Er erinnert an die finanziellen Anstrengungen, welche die Mainzer Juden im Mittelalter auf sich nahmen, um den Friedhof zu erwerben und an das Unrecht, das ihnen im 15. Jahrhundert widerfuhr, als sie ihrer Heimat und ihres gesamten Besitzes beraubt wurden. Die frühesten Spuren jüdischen Lebens in Mainz reichen ins zehnte Jahrhundert zurück. Im Mittelalter war Mainz als Zentrum des kulturellen Judentums berühmt. Im 15. Jahrhundert jedoch mussten alle Juden die Stadt verlassen. Ihr Grundbesitz wurde vom Staat beschlagnahmt.
Auch Oberbürgermeister Jens Beutel weiß um die bedeutungsvolle jüdische Geschichte in der Stadt. Er setzt sich nun für ihre Dokumentation am Fundort der jüdischen Grabstätten ein. Im Austausch mit der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Mainz, Stella Schindler-Siegreich, schlug er vor, historische Stelen aufzustellen, wie sie bereits auch an den anderen jüdischen Friedhöfen stehen. Die Gesprächsteilnehmer einigten sich zudem darauf, dass an der Stelle des bereits entkernten Gebäudes auf dem Grundstück wieder gebaut werden darf. Hier stand seit jeher Wohnbebauung. Mit dem Ertrag will die Stadt dann das Baugelände zu einem Gräberfeld umgestalten.

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