Kuba

Abwarten

von Hans‐Ulrich Dillmann

Die Hoffnungen sind groß. Dass in Kuba am 20. Januar ein neues Parlament gewählt wird, erregt auch die Gemüter der jüdischen Gemeinschaft des Landes. »Wir gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung massiv an der Abstimmung beteiligen wird. Auch die stimmberechtigten Juden werden zur Wahl gehen«, sagt Luis Rouso, Mitarbeiter der Comunidad Religiosa Hebrea Adath Israel de Cuba. Seit der greise Revolutionsführer Fidel Castro nach einer schweren Darmoperation die Regierungsgeschäfte in die Hand seines Bruder Raúl gelegt hat, rätseln viele über die Zukunft der Zuckerinsel. Wird sich das Land weiter öffnen? Wird das »sozialistische Kuba« den Weg Chinas in einen staatlich moderierten Kapitalismus kopieren? Wird das wirtschaftlich schwer angeschlagene Kuba überhaupt noch eine Zukunft mit den »bärtigen Revolutionären« haben, die das Land einst aus der blutigen Diktatur von Fulgencio Batista befreiten und ihm nach sowjetischen Vorbild einen Staatssozialismus verordneten?
Kuba sollte eine klassenlose Gesellschaft werden, hatten die Revolutionäre um Fidel Castro und Che Guevara vor knapp 50 Jahren versprochen. Seit die Staatsführung vor einigen Jahren den Erhalt von Dollarüberweisungen zugelassen hat. ist Kuba eine Zweiklassengesellschaft. Wer Verwandte im Ausland hat, ist in der Lage, fehlende Konsumgüter und Grundnahrungsmittel in Spezialgeschäften zu kaufen. Wer keine Dollarüberweisungen bekommt, ist auf subventionierte Nahrungsmittel angewiesen. Viele der 11,2 Millionen Kubaner können sich kaum einmal in der Woche Fleisch leisten. Das durchschnittliche Monatseinkommen eines berufstätigen Kubaners liegt nach inoffiziellen Angaben bei rund 15 Euro.
»Wir hoffen auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation«, sagt der 55‐jährige Rouso, dessen orthodoxe Gemeinde in Havanna knapp 400 Mitglieder zählt. »Die Wirtschaftslage ist nicht gut, aber sie hat sich in den letzten Jahren verbessert.« Auch Eugenia Farin Levy verbindet mit den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag die Hoffnung, dass es ökonomisch aufwärts geht. Die 57‐jährige Vorsitzende der Communidad Hebrea Hatikva in Santiago de Cuba im Südosten der Insel ist selbst Wirtschaftswissenschaftlerin und für die Finanzen und Kontakte zu jüdischen Gemeinden in Kanada, den USA und Israel verantwortlich. 65 Personen zählt die religiös konservative Gemeinde. »Wir sind akzeptiert und integriert«, sagt Farin. Zwar kenne sie keine jüdischen Parlamentsabgeordneten, sagt sie, aber die jüdischen Wähler würden sehr genau darauf achten, ob die jeweiligen Kandidaten auch die Interessen der jüdischen Kubaner vertreten.
Knapp 1.200 Juden leben derzeit auf der Karibikinsel, die meisten von ihnen, rund 1.000, in der Hauptstadt Havanna. Einst zählte die jüdische Gemeinschaft des Landes mehr als 15.000. Juden kämpften für die staatliche Unabhängigkeit von Spanien, Juden nahmen auch am Aufstand gegen den Diktator Batista teil. Allerdings floh schon kurze Zeit nach der Machtergreifung der Revolutionäre um Castro die Mehrheit der kubanischen Juden ins Ausland. Sie gingen nach Puerto Rico, Panama und vor allem nach Miami, wo noch heute Synagogen bestehen, in denen fast ausschließlich kubanischen Migranten beten.
Das Verhältnis der kubanischen Staatsführung zur jüdischen Bevölkerung des Landes war immer ambivalent und geprägt von der politischen Großwetterlage. Fidel Castro, seit fast 50 Jahren an der Spitze des Staatsapparats, wird nachgesagt, dass er jüdische Vorfahren habe. Seine Großeltern stammen aus dem spanischen Galizien. Kurz vor dem Jom‐Kippur‐Krieg 1973 brach Kuba allerdings, wie andere Staaten des Ostblocks, die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Trotzdem genehmigte die Regierung ohne viel öffentliches Aufheben die Ausreise von jüdischen Kubanern nach Israel.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die kubanische Staatsführung um eine Annäherung an Israel bemüht, ungeachtet der politischen Differenzen. Für Aufsehen sorgte in den 90er‐Jahren Fidel Castros Gottesdienstbesuch im jüdischen Gemeindehaus Beth Schalom in Havannas Stadtteil Vedado. Seitdem sich der kubanische Staat den Religionsgemeinschaften auf der Insel insgesamt öffnete, verbesserte sich auch die Beziehung zu den etwa ein Dutzend jüdischen Gemeinden, die über die ganze Insel verstreut sind. Einige von ihnen bestehen aus Männern und Frauen, die erst in den vergangenen Jahren wieder zur Tradition ihrer Vorfahren zurückgefunden haben.
Auch wenn die Religionsausübung in Kuba inzwischen nicht mehr unter dem Generalverdacht des »Konterrevolutionären« steht, so ist die Situation der jüdischen Gemeinschaft doch nicht rosig. Es fehlt Geld für die Gemeindearbeit und vor allem für den Unterhalt der Synagogen, von denen einige seit Jahren aufgrund fehlender Mittel auf eine Generalsanierung warten. Unterstützt werden die Comunidad Hebrea de Cuba vor allem von der jüdisch‐amerikanischen Hilfsorganisation Joint sowie von kanadischen und US‐amerikanischen Gemeinden. Zu den Hohen Feiertagen werden regelmäßig aus Kanada koschere Lebensmittel verschifft, zu Pessach erhalten die kubanischen Judíos Mazze und koscheren Wein.
Wer allerdings über die politische Situation mit Gemeindemitgliedern diskutieren will, trifft nicht auf fröhliche Gesichter. Niemand möchte sich mit der Staatsführung anlegen. »Wir sind eine religiöse Gemeinschaft«, betonen die Mitglieder des jüdischen Dachverbandes. Vor einigen Jahren sagte José Miller, der 2006 verstorbene frühere Präsident der jüdischen Gemeinde von Havanna, zu einem US‐amerikanischen Journalisten: »Ich frage niemanden in der Gemeinde, wo er politisch steht. Wir sind weder pro noch kontra Castro.«

www.jewishcuba.org

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