Studenten

Abenteuerurlaub

von Christine Schmitt

Es riecht nach feuchter Erde. Alex Katzman schaut auf den Boden und ist erst einmal zufrieden. Sie sieht schon, was sie getan hat: An dieser Stelle liegen nur noch einzelne Blätter zwischen den Gräbern des Jüdischen Friedhofes Weißensee. Sie zieht sich ihre Jacke aus und steht in einem roten T-Shirt da, wischt sich den Schweiß von ihrer Stirn. Acht Grad zeigt das Thermometer an – ihr ist trotz kurzer Ärmel warm. Alex Katzman nimmt wieder den Rechen in ihre Hände und harkt weiter das Laub zusammen, das seit Herbst auf den Wegen und Grabsteinen liegt. »Es ist eine tolle Arbeit«, sagt die 21-jährige Geschichtsstudentin.
Ein paar Gräberreihen weiter steht Harrison Leibow und harkt ebenfalls die Blätter zusammen. »Ich bin überrascht, wie freundlich die Menschen hier in Berlin sind«, meint er, dessen Großeltern vor der Schoa aus Holland geflohen sind. Seine Eltern hätten ihn kopfschüttelnd gefragt, warum seine Reise denn ausgerechnet nach Deutschland gehen müsste. Dort würde es schließlich kein jüdisches Leben geben. Doch der 20-jährige Mathematikstudent ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und meldete sich zur Reise von Chabad Lubawitsch Illinois an. Er hat es nicht bereut: »Ich habe hier so viel jüdisches Leben gesehen«, sagt er und strahlt. Besonders beeindruckt war er vom Ausflug nach Frankfurt (Oder), wo sie bei der Übergabe einer Torarolle an die dortige Gemeinde teilnahmen. »Es waren mehrere Hundert Menschen da, und viele haben gelacht und geweint«, fügt er staunend hinzu. »Und es wurde viel getanzt«, sagt er, während er das Laub auf einen Haufen schichtet.
25 Studenten im Alter von 19 bis 22 Jahren aus dem amerikanischen Illinois sind seit Freitag für eine Woche in Berlin. »Während ihre Kommilitonen am Strand liegen, sind diese jungen Menschen in Deutschland, um zu helfen, wo sie können«, sagt Rabbiner David Teichtal aus Illinois, der Bruder des Berliner Chabad-Rabbiners Yehuda Teichtal, der die Gruppe eingeladen hat. »Sie wollen hier das jüdische Leben kennenlernen«, meint David Teichtal. »Das ist wichtig für sie und für die Gesellschaft.«
»Ich möchte diese Erfahrung machen – trotz oder gerade wegen des Holocaust«, ergänzt Sophia Harris, während sie Äste stutzt. Für sie sei es ein großes Abenteuer, nach Deutschland zu reisen. »Very crazy«, lautet ihr Urteil. Aber da ihre Eltern be-
reits Berlin besucht hatten, sei sie schon recht gut informiert gewesen. Dennoch: So ein Erlebnis wie in Frankfurt (Oder) hätte sie niemals für möglich gehalten. »Ich bin begeistert. Es war so schön, diese glücklichen Menschen zu sehen.« Und dieser Tag zähle deshalb auch zu den interessantesten Erlebnissen, so die angehende Hotelmanagerin.
Sophia Harris wirft die Äste auf einen Haufen, während Rabbiner Teichtal eine mit Blättern gefüllte Schubkarre in die Luft stemmt und so das Laub auf einen großen Wagen fallen lässt. »Es gibt für die Grabsteine in diesem Abschnitt keine Angehörigen mehr, die die Gräber pflegen«, sagt Gerhard Kühn, Mitarbeiter des Friedhofes Weißensee. Es sei eine große Hilfe, dass die Studenten für einige Stunden vorbeikämen, um das Laub zu harken. »Jetzt sehen die Reihen schon viel besser und gepflegter aus«, lobt er. Für das erste Mal würden sie das ganz geschickt machen. Etwa ein- bis zweimal im Jahr kämen Gruppen, um den Rechen zu schwingen. »Unser Friedhof ist 43 Hektar groß, und wir haben gerade mal die Hälfte geschafft«, sagt er.
Der Terminkalender für die Studenten ist ausgefüllt: So besuchen sie ein Seniorenheim, einen Kindergarten, die Gedenkstätte Sachsenhausen und das Jüdische Museum in Berlin. Bereits am Freitagabend gab es beim gemeinsamen Kabbalat Schabbat im Bildungszentrum in der Münsterschen Straße eine Begegnung mit jüdischen Studenten aus Deutschland. Und am Mittwoch hatten sie dort ein Mittagessen mit Innensenator Ehrhart Körting. Aber auch Sightseeing ist angesagt, so geht es auch zum Gendarmenmarkt und zum Potsdamer Platz. Zuvor eine Verabredung mit Monika Thiemen, der Be-
zirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf.
Es geht von Termin zu Termin. Dennoch bleibt am Montagvormittag auf dem Friedhof in Weißensee auch etwas Zeit zum Nachdenken. »So viel Geschichte gibt es hier«, meint Rabbiner David Teichtal und betrachtet einen Grabstein. »Wir kennen die Vergangenheit und wir glauben an die Zukunft.« Es werde nicht das letzte Mal sein, dass er mit jungen Menschen aus Amerika nach Berlin kommt.

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