New York
Das Haus am Park Place
Muslime wollen in der Nähe von Ground Zero ein großes islamisches Zentrum eröffnen. Das Projekt wird heftig kritisiert. Aber es gibt auch Unterstützer, vor allem unter den Juden der Stadt
08.09.2010 – von Sebastian Moll
New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg gilt gemeinhin als eher unterkühlter Zeitgenosse. Schon oft ist der 68-Jährige als unsensibel kritisiert worden, weil er Pläne und Programme verkündete wie jemand, der sich kein Jota dafür interessiert, welche konkreten Auswirkungen seine Entscheidungen auf die Bürger der Stadt haben.
»Ich kann einfach nichts Warmes und Sentimentales daran finden, wenn ich den Haushalt zusammenstreichen muss«, verteidigte er sich erst vergangenes Jahr schnippisch dafür, dass er seine gravierenden Mittelkürzungen mit der Empathie eines Buchhalters vorrechnete. Die Kinder, deren Unterricht eingespart wurde, und die Obdachlosen, die keine Notunterkünfte mehr zur Verfügung hatten, schienen ihn nicht für einen Augenblick zu bekümmern.
Offene Arme Umso verblüffter waren viele am Hudson, als Bloomberg Anfang August eine derart leidenschaftliche Rede hielt, dass sie ihn selbst zu Tränen rührte. Anlass war die Freigabe der Denkmalschutzkommission für den Bau des mittlerweile weltbekannten islamischen Gemeindezentrums zwei Straßen von Ground Zero entfernt. »Millionen von Einwanderern«, sagte er vor dem hochsymbolischen Hintergrund der Freiheitsstatue, seien in den vergangenen 250 Jahren nach New York gekommen und wurden immer mit offenen Armen empfangen. Dann musste der Bürgermeister innehalten, um den dicken Kloß in seinem Hals zu schlucken.
Bis heute gelte NYC als die freieste Stadt der Welt. Das sei es, was sie stark mache, und deshalb dürfe es in keinem Viertel der Stadt irgendjemandem verwehrt werden, seinen Glauben auszuüben und nach seiner Fasson glücklich zu werden.
Das Gezänk um die sogenannte Ground-Zero-Moschee hat bei Bloomberg offenbar einen Nerv getroffen. Die Religionsfreiheit, die Toleranz überhaupt, sind Dinge, an die der ehemalige Großunternehmer in seinem Innersten glaubt. Es sind amerikanische und vor allem auch New Yorker Grundwerte, für die geradezustehen er jegliche Zurückhaltung und jedwedes politische Kalkül fallen zu lassen bereit ist.
Die Leidenschaft, mit der Bloomberg die interkonfessionelle Einigkeit zu seiner Sache gemacht hat, seit der Furor um die Ground-Zero-Moschee losgebrochen ist, kommt nicht von ungefähr. Am Tag nach seiner außergewöhnlichen Rede veröffentlichte die New York Times ein Stück, das versuchte zu ergründen, warum ausgerechnet dieses Thema den obersten Stadt-Manager so sehr bewegt.
Identität Der Reporter erinnerte daran, wie Bloombergs Eltern, die Kinder russischer Einwanderer, in ihrer gutbürgerlichen Nachbarschaft von Boston gezwungen waren, ihre jüdische Identität zu verleugnen – wie sie als Juden nicht jedes Haus kaufen konnten, wie sie bestimmte Straßenzüge einfach nicht betreten durften.
Doch Bloomberg war in den vergangenen Wochen nicht der einzige New Yorker, der sich mit den – von einer wachsenden antiislamischen Hysterie bedrängten – amerikanischen Muslimen solidarisierte. In einer Sonntags-Talkshow Ende August trat Rabbinerin Joy Levitt, Leiterin des jüdischen Gemeindezentrums an der 76. Straße, gemeinsam mit Daisy Khan auf, der Frau von Imam Faisal Rauf und Mitinitiatorin des Projekts am Park Place. Die beiden Frauen sind einander bestens bekannt, sie verbindet eine enge Freundschaft.
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