Georgien

Wo Europa endet

Die Jugend wandert aus. Die Alten leben von ausländischer Hilfe – und der Hoffnung auf bessere Zeiten

02.09.2010 – von Mathias HuterMathias Huter


David Abnerov sitzt in der Tifliser Abendhitze auf einem Holzstuhl vor seinem kleinen Koscher-Laden, dem einzigen in der Stadt. Früher liefen die Geschäfte besser. David hat georgisches und türkisches Bier, Mineralwasser und Limonaden, Fruchtsäfte, abgepackten Lachs und Tunfischdosen im Angebot. Lebensmittel, die für viele Georgier inzwischen Luxusartikel sind. Die Backstube in seinem Geschäft hat der 64-Jährige vor Kurzem geschlossen. »Es ist kaum noch jemand gekommen, um Käse- und Bohnenfladen zu kaufen«, sagt er. »Es hat sich nicht mehr gelohnt.« Vielleicht wird er im Herbst, wenn seine Kunden aus dem Sommerurlaub zurückkommen, wieder am Backofen stehen. David lacht, aber es ist kein heiteres Lachen.

Optimistischen Schätzungen zufolge leben heute noch rund 10.000 bis 12.000 Juden in Georgien. Genaue Statistiken gibt es nicht. Die Mehrheit der rund 100.000 Juden, die in den 70er-Jahren in Georgien lebten, hat das Land in Richtung Israel und Westen verlassen. Diejenigen, die geblieben sind, leben meist in bitterer Armut.

Wie hart das Leben für viele Juden in Georgien ist, davon kann Irina Lipski viel erzählen. Die charmante Minskerin ist die für Georgien zuständige Leiterin des JOINT, des American Jewish Joint Distribution Committee, einer weltweit tätigen Hilfsorganisation. Als Lipski zum ersten Mal nach Georgien kam, sei sie »geschockt gewesen von den erbärmlichen Verhältnissen, in denen die Menschen leben«, sagt sie. Lipski erzählt von einem Mädchen, das durch Mangelernährung so geschwächt war, dass es sich nicht mehr aus dem Bett erheben konnte; von einer Mutter, die mit ihrem Sohn in einem Müllcontainer hauste; oder von den 40 hochbetagten Juden, die im entlegenen Bergdorf Oni in bitterer Armut leben, in den langen Wintern ihre Strom- und Gasrechnung nicht bezahlen können und keinerlei Kontakt zu ihren Kindern haben, die nach Israel ausgewandert sind.

EInkaufsgutscheine 80 Lari pro Monat bekommen Rentner in Georgien im Schnitt. Das sind knapp 34 Euro. Lipskis Team versucht zu helfen, wo es geht. Der JOINT kümmert sich um rund 2.000 alte Juden in Tiflis und anderen Städten des Landes. Man verteilt Essen auf Rädern, Einkaufsgutscheine und bezahlt für dringend nötige medizinische Behandlung und Medikamente.

Auf dem Land versucht die Hilfsorganisation, Senioren zusammenzubringen. »Ein großes Problem ist die Langeweile. Alte Leute hier sind hoch gebildet, und sie leiden sehr, wenn sie ihr Wissen mit niemandem teilen können«, sagt die JOINT-Koordinatorin. In Tiflis versuche man, vor allem Kinder und Jugendliche zu erreichen und dadurch auch ihre Eltern. So bietet das Jü- dische Haus, ein Kulturzentrum, verschiedene Freizeitaktivitäten wie Hebräisch-, Schach-, Schmink-, und Fotokurse, ein Fitnessstudio und Nachhilfe für Schüler, aber auch psychologische Betreuung. »Wir versuchen, Juden zu finden und anzusprechen, die sich noch nie in der Gemeinschaft engagiert haben«, sagt Lipski.

Viele von denen, die kaum oder nie mit der Gemeinde in Berührung kamen, stammen aus »gemischten« Familien, einem in Georgien weit verbreiteten Phänomen: In Zeiten der Sowjetunion wurde ein Kind vom Staat als jüdisch gezählt, wenn der Vater Jude war.

Elena Borschukova kommt aus einer solchen Familie. Ihr Vater, ein Jude aus Weißrussland, hatte sich bei einem Tiflis-Aufenthalt in ihre Mutter, eine ortsansässige orthodoxe Christin, verliebt. Elena wirkt optimistisch. Ihre Augen funkeln, wenn die 22-Jährige in einem hippen Café in der Innenstadt von Tiflis von ihren Plänen erzählt. Sie möchte in Georgien eine erfolgreiche Geschäftsfrau werden. Vor wenigen Wochen hat sie ihr Wirtschafts- und Psychologiestudium abgeschlossen. Nun ist sie dabei, ohne elterliche Hilfe eine kleine Reiseagentur aufzubauen, um Touristengruppen aus Israel und Europa durch das Land zu führen.



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