Türkei

Wenn Sprache verstummt

In Istanbul versuchen Einzelne, das Ladino vor dem Aussterben zu retten

22.07.2010 – von Philipp GesslerPhilipp Gessler

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Bei der Großmutter von Teri Sisa war es früher so: Als Zögling einer französischsprachigen Eliteschule sprach sie sehr gut Französisch. Türkisch dagegen konnte sie nur halb, gerade so viel, um in Istanbul durchs Leben zu kommen. Was sie vor allem in ihrer Familie sprach, war Ladino. Dies war die Sprache der Sefarden, der Nachkommen jener Juden, die Schätzungen zufolge in einer Zahl von etwa 300.000 Ende des 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben wurden und sich in ganz Nordafrika, vor allem aber im blühenden Istanbul niederlassen durften.

Doch schon Teris Eltern interessierte das Ladino nicht mehr besonders. Es galt zunehmend als die Sprache der armen Leute in der jüdischen Gemeinde. Hinzu kam in den 60er-Jahren eine staatliche Kampagne, die vor allem die Minderheiten aufforderte: Sprecht Türkisch! Dennoch gelang es Teris Großmutter durch einen pädagogischen Kniff, ihre Enkelin, die heute um die 50 und Musikarchivarin ist, für einige Zeit davon zu überzeugen, dass es sich lohnen könnte, Ladino zu lernen, erzählt Teri. Die alte Dame habe zu ihr gesagt: »Folge nicht deinen dummen Eltern, denn die sind Snobs. Rede Ladino!« Tatsächlich spricht Teri noch heute ein wenig. »Aber in meiner Familie bin ich die Letzte.«

aussterben Die alte Sprache droht auszusterben. Man geht heute von weltweit nur noch rund 150.000 Ladino sprechenden Menschen aus – die meisten von ihnen leben in Israel und auf dem Balkan. Das »Judenspanische«, das auch als das Jiddisch des Westens bezeichnet wird, betrachtet heute kaum mehr einer als seine Muttersprache. Wer es noch beherrscht, für den ist es häufig nur die Dritt- oder gar Viertsprache. Fast nur noch innerhalb der Familie wird Ladino gesprochen. Das bleibt nicht ohne Folgen: Der Wortschatz ist begrenzt. Die Sprache besitzt weder in Israel noch in der Türkei einen offiziellen Status.

Karen Gerson gilt in Istanbul als die Expertin in Sachen Judenspanisch. »Die Sprache schwindet dahin«, sagt die 50-jährige Englisch- und Ladino-Dozentin desillusioniert. In der Regel komme es nur noch Gemeindemitgliedern, die über 60 Jahre alt sind, einigermaßen über die Lippen. Gerson selbst hat als Kind Ladino gelernt. Daneben spricht sie Türkisch, Französisch und Spanisch.

Die über Jahrhunderte übliche mündliche Überlieferungstradition sei mit ihrer Generation abgebrochen, sagt Gerson. Sie habe das Ladino nicht mehr an die nächste weitergegeben. Ihr Tipp an die junge Generation ist pragmatisch: Sie könne Spanisch lernen, da sie mit dieser modernen Sprache das Ladino wenigstens leichter verstehe. Ein Beispiel sei ihre Tochter: »Sie spricht heute statt Ladino Spanisch. Sie hatte keine andere Wahl.« Gerson ist nüchtern. Ladino habe wohl seine Funktion erfüllt: Es habe die Identität der Gemeinde für lange Zeit mitgeprägt. Aber nun gebe es kaum noch Chancen, die Sprache zu bewahren.


Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Rosch Haschana 5778

Rosch Haschana 5778

Schana Towa!

Zum Dossier

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
14°C
wolkig
Frankfurt
15°C
wolkig
Tel Aviv
26°C
heiter
New York
28°C
wolkig
Zitat der Woche
»Wir werden kein zweites Israel dulden.«
Der irakische Vizepräsident Nuri al-Maliki vor dem kurdischen
Unabhängigkeitsreferendum im Nordirak Ende September