Brit Mila

Bund der Beschneidung

Ein Plädoyer für die Brit Mila – aus religiöser und medizinischer Sicht

16.03.2006 – von Michael RosenkranzMichael Rosenkranz

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von Michael Rosenkranz

Der Beginn des Judentums liegt im Bund, den der Ewige, der Schöpfer der Welt, mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen hat (1. Buch Moses 17, 1-14). Es ist ein Bund des Lebens, gültig für alle Geschlechter. Das körperliche Zeichen für die Zugehörigkeit zu diesem Bund ist die Beschneidung des Mannes an der Vorhaut des Glieds, weshalb dieser Bundesschluß „Bund der Beschneidung“ genannt wird, hebräisch Brit Mila. Damit ist die Beschneidung eine der wichtigsten Bestimmungen der jüdischen Religion.
Solange Menschen bedingungslos glauben konnten, wurden religiöse Gebote nicht hinterfragt. Seit der Aufklärung will der Mensch jedoch wissen, warum er was und wie zu tun hat. Warum Beschneidung der Vorhaut?
Die Vorhaut, die, nicht selten, verengt sein kann, gilt als Organ der Verstocktheit, ein Symbol der Blockade des befruchtenden Flusses. Im übertragenen Sinn ist damit die Störung lebenswichtiger Beziehungsströme gemeint. Moses bezeichnet seine Lippen als unbeschnitten („vorhäutig“), was oft als verschlossene Lippen übersetzt wird (2. Buch Moses 6,12). Jeremia klagt: „Unbeschnitten (vorhäutig) sind ihre Ohren, daher können sie nicht hören“ (Jeremia 6, 10), und im 5. Buch Moses (10, 16) wird die Verstocktheit der Israeliten, die sich dem Wort Gottes nicht zu öffnen im Stande sind, als Vorhaut des Herzens bezeichnet, die beschnitten werden muß. Entsprechend gilt der unbeschnittene Mensch, der durch seine Verstocktheit nicht in der Lage ist, mit dem Heiligen in Verbindung zu treten, als unrein. Der Zustand der Unbeschnittenheit gilt als Unreinheit schlechthin, ist Ausdruck dessen, was durch Israel überwunden werden soll.
Warum aber Beschneidung nur des Mannes, nicht auch der Frau? Das Zeichen des Bundes ist, stellvertretend für Mann und Frau, das Glied des Mannes, mit dem er die Vereinigung mit seiner Frau vollzieht, wie es heißt: „... sie werden sein ein Fleisch“ (1. Buch Moses 2, 24).
Die Beschneidung soll durchgeführt werden, wenn irgend möglich, am achten Tag nach der Geburt (1. Buch Moses 17, 12; 3. Buch Moses 12, 3). Eine Woche benötigt das Neugeborene,um den Geburtsvorgang abzuschließen und sich auf die Bedingungen außerhalb des Mutterleibes einzustellen. Dann erst beginnt im eigentlichen Sinn sein Leben in dieser Welt. Zugleich sind die Wundheilungskräfte nun optimal, andererseits sind die Schmerznerven noch nicht voll ausgereift. Der achte Tag ist also der günstigste Zeitpunkt.
Die Beschneidung seines Sohnes hat der Vater zu besorgen – wenn dieser nicht anwesend ist, dann die Mutter. Stellvertretend kann die Gemeinde diese Aufgabe übernehmen. In der Regel wird mit der Ausführung der Beschneidung ein Mohel, ein ritueller Beschneider, beauftragt, der darin ausgebildet und erfahren ist. Die Beschneidung ist zwar nur ein kleiner Eingriff, ist aber doch eine Verletzung, durch die das Kind nicht in Gefahr kommen soll. In der Chirurgie pflegt man zu sagen: „Es gibt keine kleinen Eingriffe.“ Selbst die scheinbar kleinste Operation kann Komplikationen nach sich ziehen, weshalb in jedem Fall strengste Sorgfalt angezeigt ist. In früheren Zeiten wurden auftretende Komplikationen als schicksalshaft hingenommen. Dazu ist man heute nicht mehr bereit. Man versucht, Ursachen und Folgen zu klären, Vor- und Nachteile abzuwägen, wissenschaftliche Erkenntnisse in Verständnis und Ausführung der Handlung mit einzubringen. So ist es nicht verwunderlich, daß auch die rituelle Beschneidung einerseits den Fragen nach gesundheitlichem Nutzen und Risiko unterworfen wird. Andererseits werden für ihre Durchführung moderne medizinische Standards gefordert.
Als Vorteile der Beschneidung werden aus medizinischer Sicht heutzutage folgende Punkte angeführt: Der krankhaften Vorhautverengung (Phimose) wird die Grundlage entzogen. Sie ist ein verhältnismäßig häufiges Leiden, welches weitere Erkrankungen nach sich ziehen kann. Unter Umständen kann sie auch zur Unfruchtbarkeit des Mannes führen, was für eine Gemeinschaft, die wachsen will, nicht hinnehmbar ist.
Zudem besteht die Gefahr, daß sich bei mangelnder Hygiene unter der Vorhaut Zersetzungsprodukte bilden, die beim Mann, auch bei seiner Partnerin, Krebs erzeugen können.
Vergleichende Studien bei afrikanischen Völkern, die die Beschneidung ebenfalls ausführen, beziehungsweise solchen, die nicht beschneiden, deuten auf eine verminderte Empfindlichkeit beschnittener Männer gegen das AIDS-Virus hin. Dies resultiert möglicherweise aus der geringeren Verletzungshäufigkeit des beschnittenen Gliedes.
Durch ständigen Kontakt mit der Kleidung vermindert sich beim Beschnittenen auch die Berührungsempfindlichkeit der Eichel, wodurch vorzeitiger Samenerguß seltener wird.
Als Risiken der Beschneidung gelten dagegen eine übermäßige Wundblutung, die Wundinfektion und die Gefahr der Krankheitsübertragung. Außerdem gibt es das Risiko einer ungewollte Verletzung der Eichel und einer seelischen Traumatisierung durch den Beschneidungsschmerz.
Diese Gefahren waren in früheren Zeiten, bevor es sterile Instrumente, sauberes Verbandmaterial und Betäubungsmöglichkeiten gab, gewiß größer. Heute lassen sie sich mit modernen medizinischen Techniken erheblich vermindern.
Grundsätzlich wird die Beschneidung in drei Schritten vollzogen: Chituch (Abtrennung der Vorhaut), Peri’a (völlige Freilegung der Eichel) und Metzitza ( Aussaugen der Wunde). Da beim acht Tage alten Neugeborenen die Schmerznerven noch nicht voll ausgereift sind, läßt sich, bis maximal zum zehnten Tag, die Beschneidung ohne Betäubung durchführen, ohne daß das Kind wesentliche Schmerzen empfindet. Danach jedoch ist eine Betäubung erforderlich, zum Beispiel eine einfach zu setzende örtliche Betäubung. Die Abtrennung der Vorhaut geschieht beim Neugeborenen mit Hilfe einer sterilen geschlitzten Metallplatte, die über die langgezo-
gene Vorhaut geschoben wird und die die dahinterliegende Eichel schützt. Mit einem sehr scharfen Messer, heutzutage ein steriles Einmalmesser, wird die Vorhaut vor der Platte abgetrennt. Bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kommen andere, chirurgische Techniken zur Anwendung. Durch geeignete Verbandtechnik und saubere Verbandstoffe wird eine rasche Blutstillung weiter begünstigt und eine Wundinfektion vermieden. Während der Wundheilungsphase wird das Kind nicht gebadet, die Wundumgebung bei Bedarf nur feucht abgetupft, die Wunde nach Möglichkeit trocken gehalten, was ebenfalls eine Infektion verhütet und die Heilung fördert.
Mit den heutigen hygienischen Grundlagen und modernen medizinischen Erkenntnissen können die Risiken sehr niedrig gehalten werden, so daß die Vorteile der Beschneidung ganz erheblich überwiegen. Damit wird auch dem religiösen Zweck entsprochen, daß die Einhaltung der Brit Mila dem Kind zum Leben gereiche, zugleich zum Wohl der Gemeinschaft.

Der Autor ist Facharzt für Chirurgie und
zugleich Mohel in Gelsenkirchen.

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