Gesellschaft

Brutalität der Worte

Wenn wir die Sprache der Populisten übernehmen, verschiebt sich die Grenze des Sagbaren

01.02.2018 – von Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch

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Wenn der AfD-Abgeordnete Jens Maier mit dem Vokabular der kolonialistischen Rassenkunde über den Modedesigner Noah Becker spricht oder seine stellvertretende Parteivorsitzende Beatrix von Storch der Kölner Polizei eine Anbiederung an »barbarische, muslimische, gruppenvergewaltigende Männerhorden« vorwirft, dann sind das noch die harmloseren Beispiele einer sprachlichen Brutalität, die in den letzten Jahren verstärkt in den öffentlichen Sprachgebrauch eindringt.

Gerne knüpft man in der Partei der beiden gleich direkt an das Gedankengut oder wortwörtlich an die Sprache des deutschen Faschismus an – da wünscht man sich eine »tausendjährige Zukunft« für Deutschland, bezeichnet politische Gegner als »krank im Geschlecht und Geiste« und sieht in Flüchtlingen »Schmarotzer und Parasiten« oder die Vorhut einer »Umvolkung«.

afd Dieser Sprachgebrauch ist nicht zufällig. Er setzt ein Anfang vergangenen Jahres öffentlich gewordenes Strategiepapier der AfD um, das unumwunden vorgibt, man müsse »ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein, zu klaren Worten greifen und auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken«.

Die Strategie ist aufgegangen: Die »Provokationen« werden in den sozialen Netzwerken tausendfach weiterverbreitet und von den Nutzern weiter angereichert. Da werden Flüchtlinge als »Ungeziefer« oder »Ratten« bezeichnet, die man »verrecken« lassen oder mit »Flammenwerfern« begrüßen wolle. Auch hier ist der direkte Bezug zum Dritten Reich nicht selten, etwa wenn über »Gasanschlüsse« oder »Duschköpfe mit elf Löchern« in den Flüchtlingsheimen fantasiert wird.

Die herkömmlichen Medien bringen das Vokabular dann in die Öffentlichkeit jenseits der sozialen Medien. Ganz egal, ob sie diese Aussagen wertfrei wiedergeben oder sie verurteilen, sie vervielfältigen durch ihre Berichterstattung die monströse Sprache der Menschenfeinde und tragen damit zur Verschiebung der sprachlichen Normalität bei. Der Philologe Victor Klemperer beschrieb schon in seinem 1947 veröffentlichten linguistischen Buch Lingua Tertii Imperii, wie die durch ständige Wiederholung erzeugte dauerhafte Präsenz sprachlicher Brutalität schon in kleinen Dosen dafür sorgt, dass sich ihre Muster in unseren Köpfen festsetzen.

versatzstücke Unser Gehirn speichert Sprache nämlich nicht einfach in Form von Wörtern ab, deren Elemente durch grammatische Regeln frei kombiniert werden. Für jedes Wort vermerkt es auch, wie oft wir es lesen oder hören. Je öfter das der Fall ist, desto leichter wird ein Wort aktiviert, desto unauffälliger erscheint es uns, wenn wir ihm begegnen, und desto leichter geht es uns selbst über die Lippen. Das gilt nicht nur für einzelne Wörter, sondern vor allem auch für Wortverbindungen – unser Wortschatz besteht nicht vorrangig aus Wörtern, sondern aus häufig gehörten größeren sprachlichen Versatzstücken.

Je öfter wir zum Beispiel die Kombinationen »kriminelle Asylbewerber« oder »Asylbewerber abschieben« hören – beide unter den zehn statistisch stärksten Wortverbindungen des Wortes »Asylbewerber« –, desto mehr werden diese zu solchen leicht aktivierbaren Versatzstücken, und desto natürlicher erscheint es uns, über Asylbewerber in den Zusammenhängen von Kriminalität und Abschiebung nachzudenken. »Framing« nennt der Sprachwissenschaftler George Lakoff dieses Setzen eines kaum noch hinterfragbaren Rahmens, der unsere Gedankengänge zu bestimmten Themen einschränkt.

Noch ist es nicht so weit, dass die offensichtliche Bestialität des faschistischen Sprachgebrauchs wieder allgemein akzeptabel ist. Aber dass zumindest auf pro-palästinensischen Demonstrationen straffrei »Juden ins Gas« skandiert werden darf, zeigt, dass der Weg dahin nicht mehr weit ist. Die Präsenz solcher Formulierungen in der Öffentlichkeit sorgt aber jetzt schon dafür, dass uns jeder auch nur marginal weniger monströse Ausdruck als legitimer Teil des Meinungsspektrums erscheint – sei es die »Obergrenze«, die »Angst vor Überfremdung« oder die »Grenzsicherung mit Schusswaffen«.

nachkriegsdeutsch Der Literaturwissenschaftler George Steiner beschrieb 1960 in seinem Essay »Das hohle Wunder« ein Nachkriegsdeutsch, dessen Lebenskraft dauerhaft zerstört war durch die faschistischen Sprachmanipulationen, die, leise wie Radioaktivität, tief in seine Strukturen eingedrungen waren. Nicht alle, die diese Sprachzerstörung miterlebt hatten, waren so pessimistisch. Zum 30. Todestag von Rose Ausländer wird gerade häufig ihr Gedicht »Nachher« zitiert, in dem sie die Zerstörung überwunden glaubt: »Die alte Sprache / kehrte jung zurück / unser verwundetes / geheiltes / Deutsch«.

Aber die alte Sprache des völkischen Rassismus und Nationalismus, die jetzt zurückgekehrt ist, gibt George Steiner recht. Der schrieb, dass eine mit Verachtung und Lügen gefüllte Sprache nur durch die drastischsten Wahrheiten gereinigt werden kann.

Wenn wir heute nicht damit beginnen, diese Wahrheiten endlich auszusprechen, sind die Verachtung und die Lügen selbst morgen Wahrheit.

Der Autor ist Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

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